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Null Bock auf Bücher

Bücher interessieren heutzutage keine Sau mehr, sagt Icke.
Genau! Deswegen stehen vor der Frankfurter Buchmesse auch endlose Menschenschlangen, die Einlass begehren. Die wollen da bestimmt nur schnell eine Bockwurst essen.
Mittendrin Icke und ich.

Bücher gucken

Und ich sage noch: „Icke, bleib zu Hause, das ist nix für dich! Außerdem sollte man, um rein zukommen, wenigstens schon mal das Etikett auf der Rückseite einer Bierflasche gelesen haben.“
„Natürlich komme ich mit“, erwidert er. „Aber was macht man denn da den ganzen Tag?“
„Ja, was wohl? Bücher gucken!“
„Wuhuuu, wie spannend.“ Er verdreht die Augen. „Hoffentlich laufen da nicht nur so Selbstgestrickte rum, die ihren Namen als Roman tanzen.“
„Wie gesagt, du musst ja nicht mit!“
„Doch, doch, ohne mich findest du da nie wieder raus. Du weißt ja, dein Orientierungssinn ist, sagen wir mal, nicht existent.“
„Und deiner führt uns immer nur zu irgendwelchen Fressbuden. Außerdem, falls es dir entgangen ist, ich präsentiere dort auch mein Buch“, ergänze ich mutig.
Icke kichert. „Und wie willst du das anstellen? Oben ohne, nur mit dem Buch vor der Brust, da rumhüpfen, damit es jemandem auffällt?“
„Zur Not auch das, mein lieber Icke! Und jetzt lass mich, ich muss mich seelisch vorbereiten.“

Und wovon handeln die?

Leider lässt der Sicherheitsmann Icke bei der Taschenkontrolle durch. Trotz Bestechungsversuch. Ein Småland, wie bei Ikea, gibt es nicht, also muss ich ihn die ganze Zeit mit mir herumschleppen.
„Hier stehen ja wirklich überall nur Bücher!“, sagt er enttäuscht, als wir die heiligen Hallen betreten.
„Herrlich!“, rufe ich. „So ähnlich muss das Paradies sein.“
Gelangweilt schlappt er hinter mir her, während ich glückselig von Verlag zu Verlag taumle und überschlage, was wohl eine Containerlieferung Bücher nach Mallorca kostet.
Dann bleibt er an einem Kaffeestand vor einem Glaskasten mit Sandwiches stehen. „Ach, wie interessant. Darf ich fragen, wovon die handeln?“, fragt er den Verkäufer allen Ernstes. Der Mann holt tief Luft. „Die handeln von einer Gruppe nutzloser Kohlenhydrate, die sich, zusammen mit einem alternden Salatblatt, auf den Weg machen, die Welt zu erobern“, grollt er und sieht aus, als wenn er gleich über den Tresen springt. Ich ziehe Icke hastig weiter.

„Guck mal da drüben, Icke! Ich werd‘ verrückt! Sebastian Fitzek gibt ne Signierstunde!“
„Wer isn das?“
„Das ist DER Thriller-König überhaupt!“
„Du liest doch gar keine Thriller.“
„Stimmt, aber es ist immer gut zu wissen, wie man jemanden aus dem Weg schafft. Vor allem, wenn er einem auf die Nerven geht…“
„Du solltest lieber mal in die Abteilung für psychologische Selbsthilfe-Ratgeber gehen“, sagt Icke und ich kann ihn gerade noch davon abhalten, einer übergroßen Mainzelmännchen-Figur ein Bein zu stellen.

Buch-Kritiker

Irgendwann, mit Hilfe von sehr viel Taschengeld, schaffe ich es, Icke zu überreden, sich in ein Cafe zu setzen. „Hier gibt’s auch Bier“, sage ich. „Warte einfach auf mich. Aber verhalt dich bitte ruhig!“
Als ich zwei Stunden später wieder komme, sitzt Icke immer noch dort, allerdings umringt von einer Traube Menschen. Er gibt Autogramme.
„Wer ist das?“, frage ich eine Frau in den hinteren Reihen.
„Ein berühmter Kritiker. Kennen Sie den etwa nicht?“, fragt die Frau entrüstet. „Er erzählt von seinem nächsten Buch.“
„Was für ein Buch????“
„Es handelt von seinem Leben mit einer psychisch labilen Autorin. Wirklich interessant.“
Ich schleiche davon und verbringe eine weitere Stunde damit, Bücher zum Thema innere Gelassenheit zu erkunden.

Buch-Besuch

Nächster Morgen. 10:00h. Buchpräsentation von (Achtung Werbung:) „Bier mit Dir“.
Die Hallen sind gestopft voll. Menschen schieben, drängen, schlendern vorbei. Mir geht die Düse, aber ich lasse es Icke nicht merken. Ein Schild am Verlags-Stand weist darauf hin, dass wir Autorinnen anwesend sind. Meine Kollegin Marion Bischoff wirkt so entspannt, dass ich, wenn ich es nicht besser wüsste, vermuten könnte, sie hätte sich auf der Zugfahrt das eine oder andere Beruhigungsschnäpschen gegönnt.
„Tja“, raunt Icke mir ins Ohr, „im Gegensatz zu dir, hat sie es drauf. Versuchs doch mal mit nett gucken. Vielleicht hilfts?“
Ich lächle, so gut ich kann. Vermutlich wirkt es mehr wie ein einfältiges Grinsen, doch trotzdem bleiben die ersten Leute interessiert stehen. Marion erklärt ihnen unser Buch, als wäre sie der fleischgewordene Klappentext. Ich lächle weiter und dann klappentextet es auch bei mir irgendwann wie von selbst. Icke zieht sich in eine Ecke zurück und blättert missmutig in einem Kinderbuch.
Es läuft. Ich fühle mich gut. In mitten einer Welt voller Bücher.

Später dann, zur Präsentation der (Achtung Werbung) Anthologie „Feierabend“, ist Icke in einer Ecke eingeschlafen. Umringt von meinen hoch motivierten und sympathischen MitautorInnen laufe ich zur Höchstform auf und schwatze wildfremden Menschen, mit allem mir gegebenem Charme, Flyer und Kekse zum Buch auf. Ich könnte ihnen jetzt auch ohne Probleme Staubsauger verkaufen.
Die meisten Menschen lächeln. Manche auch nicht, aber das ist ok. Vielleicht haben sie ihren inneren Kritiker dabei. Die Armen!

Buch-Glück

Der Messetag neigt sich dem Ende zu und Icke ist verschwunden. Wenn ich jetzt schnell zum Ausgang renne, bin ich ihn vielleicht los, denke ich. Bringe es aber nicht übers Herz und gehe ihn suchen. Ich finde ihn. In Halle 3. Mit einer riesigen flauschigen Hummel-Figur, die eigentlich Kinder umarmen soll. Stattdessen trinken Hummel und Icke Bier und sprechen über Figurprobleme.
Ich nehme Icke an der Hand und ziehe ihn Richtung Ausgang.
„Die Hummel Bommel isch mein Freund“, lallt er und schwankt.
„Ja“, sage ich. „Ganz bestimmt ist sie das.“
„Kriegisch noch nen HotDog?“
„Natürlich Icke. Und jetzt komm.“
„Isch habe die Hummel ganzsch doll lieb…“
„Ja, Icke!“

Genau, denke ich, Bücher machen jeden glücklich. Ob er will oder nicht.
Aber nächstes Jahr bleibt Icke zu Hause!

Mit Schreib und Seele,
TINA

7 Kommentare

  1. Ralf Borlinghaus 23. Oktober 2019

    Herrlich!

    • Tina Autor des Beitrages | 24. Oktober 2019

      DAAANKE!!!

  2. TinaAssika 23. Oktober 2019

    …„Es handelt von seinem Leben mit einer psychisch labilen Autorin. Wirklich interessant.“…
    Weiter bin ich noch nicht gekommen… Sitze laut lachend da und muss aufpassen, dass ich nicht gleich von den „weißen Männern“ abgeholt werde!… HAHAHAaaaa….
    …muss mich jetzt beim weiterlesen aber zusammenreißen…
    halte schnell die Hand vorm Mund. hihihhi

    • TinaAssika 23. Oktober 2019

      Tina!
      Du warst mit Deinem/Eurem Buch auf der Frankfurter Buchmesse!?
      Wie geil ist das denn!!!!

      Herzlichen Glückwunsch! Ich freu` mich sehr. Cool!

      Weiß du noch? Vor circa nem Jahr? Im HT? 🙂
      Liebe liebe Grüße zu Dir!

      • Tina Autor des Beitrages | 24. Oktober 2019

        unglaublich. Ich wollte immer mal auf die Buchmesse. Dass ich da gleich auch noch mit nem Buch aufschlage, hätte ich auch nicht gedacht 🙂

    • Tina Autor des Beitrages | 24. Oktober 2019

      😀 😀

  3. Eileen 24. Oktober 2019

    Ich fand die Buchmesse dieses Jahr extrem voll. Voller als sonst. Wahrscheinlich, weil man jetzt erstmals Bücher kaufen konnte. Aber ich habe viele inspirierende Bücher entdeckt. Und das Bookstagram Treffen war natürlich mein Highlight.

    Viele Grüße Eileen von http://www.eileens-good-vibes.de

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