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Wer zu früh kommt…

Ich bin ständig zu früh. Und das ist uncool.
Dabei möchte ich so gerne mal zu spät kommen, kriege es aber nicht hin.
Und wenn doch, sind alle anderen noch später als ich.

Lässig

Es gibt ja Menschen, die können das von Natur aus. Meine Cousine zum Beispiel. Sie wurde versehentlich als Deutsche geboren, hätte aber eindeutig Italienerin werden sollen. Denn sie kann nicht nur perfekt Spaghetti kochen (ich erwähnte es bereits), sondern kommt eben meistens auch zu spät. Aber bei ihr wirkt das total lässig. So entspannt. So italienisch eben. Da weiß man sofort, jetzt vorwurfsvoll auf die Uhr gucken, ist spießig. Und dann sieht sie dabei auch noch so unperfekt perfekt aus. So als hätte sie die letzte Stunde, statt sich zu stylen, entspannt in einer Zeitschrift geblättert und einen Espresso geschlürft.
Und ich? Ich sitze bereits eine halbe Stunde, weil viel zu früh, im Auto und warte auf sie, habe mir schon fünfmal die Haare gerichtet, die Nase nachgepudert, das Handschuhfach aufgeräumt und schrecklichen Heißhunger auf Pommes Schranke. Keine Spur von italienischer Lässigkeit.
Die Südeuropäer haben eine andere Vorstellung von Zeit. Da geht alles irgendwie lockerer. Vielleicht liegt das am Wetter. Oder an der Meeresluft. Der Italiener hat selbst dann noch für einen ausgiebigen Smalltalk Zeit, wenn er in Eile ist, und der Mallorquiner fügt jedem Termin ein mas o menos (mehr oder weniger) hinzu. Dann weiß jeder, er kommt … irgendwann. Und keiner regt sich auf. Nur ich, ich bin immer schon da.

Jede Menge Zeit

Dass ich permanent überpünktlich bin, ist natürlich Ickes Schuld. Wann immer ich einen Termin oder eine Verabredung habe, hetzt er mich. „Was, du bist noch nicht angezogen? Das schaffst du nie. Oh Gott, weißt du eigentlich wie spät es ist? Vergiss die Frisur, da ist eh nix mehr zu retten. Du musst los! Hopp, Hopp, Hopp!“
Ich gerate in Panik, stürze los und Icke lacht sich kaputt, weil ich dann mal wieder irgendwo blöd rumsitze und viel zu viel Zeit übrig habe. Irgendwann werde ich noch losrennen, bevor ich überhaupt einen Termin habe. Mein Zeit-Guthaben wächst unaufhörlich, nur Zinsen bekomme ich dafür nicht.

Bei meinem letzten Date zum Beispiel, bin ich fünfmal betont lässig um den Block flaniert, damit es so aussieht, als käme ich gerade erst an. Leider war der Bekannte noch gar nicht da, und wegen aufkommender Blasen an den Füßen, musste ich mich hinsetzen und auf ihn warten. Ich! Auf ihn! Das ist sowas von uncool! (Dass ich, als er dann da war und wir ein bisschen geplaudert hatten, beschlossen habe, ebenso früh, wie ich gekommen bin, auch wieder zu gehen, ist eine andere Geschichte.)

Zeitbombe

„Ich fürchte, bei dir liegt da ein ernsthaftes psychologisches Problem vor“, sagt Icke. „Vermutlich hat es mit Verlassensängsten zu tun. Und einer tiefsitzenden Sorge, etwas zu verpassen. Du bist sozusagen eine tickende Zeit-Bombe.“
„Quatsch“, erwidere ich. „Das liegt an meinem Horoskop. Wassermänner sind ihrer Zeit voraus!“
„Ne klar, und deswegen landest du demnächst aus Versehen im Jahr 2067, wo nur noch Roboter auf E-Rollern herumflitzen, weil sie spät dran sind, oder was?
„Icke, ich habe jetzt weder Zeit noch Lust, mit dir darüber zu diskutieren. Ich muss weg. Bin spät dran.“
„Na, dann aber Dalli!“, sagt Icke und grinst vielsagend.

Ich habe einen Termin beim Friseur und fahre bewusst spät los. Unterwegs werde ich keine einzige rote Ampel haben, keine gebrechliche alte Frau wird im Schneckentempo über einen Zebrastreifen kriechen. Es wird kaum Verkehr sein und die Autobahn wird auch nicht gesperrt. Ich werde zu früh ankommen. Der Laden wird noch geschlossen sein, da die Friseurin noch schnell einen Kaffee trinken gegangen ist und sich verquatscht. Ich werde vor dem Laden auf und ab gehen, bis mir ein langer Bart gewachsen ist. Den muss die Friseurin mir dann abschneiden. Und das kostet extra. So wie zu früh kommen immer extra kostet. Das extra Bier oder den extra Kaffee, um die Zeit zu überbrücken. Jede Menge Nerven. Und natürlich Zeit. Zeit, die man woanders schon wieder hätte früher kommen können. Aber vielleicht ist es ja noch nicht zu spät, das zu spät Kommen zu lernen.

Mit Schreib und Seele,
Tina

PS:
Das Dumme am Pünktlich sein ist, dass gewöhnlich niemand da ist, der es zur Kenntnis nimmt.“
(warum wundert es mich nicht, dass der Verfasser dieses Zitates unbekannt ist??)

17 Kommentare

  1. Ralf Borlinghaus 11. September 2019

    Wieder herzlich gelacht, danke!

    • Tina Autor des Beitrages | 11. September 2019

      da freu ich mich!! 🙂

  2. Sylvia 11. September 2019

    Der Wassermann findet es sehr richtig, dass andere auf ihn zukomme müssen, deswegen ist er gerne der Erste. Der Sache muss man nicht nachgehen, dann wird es pathologisch… 🤔

    • Tina Autor des Beitrages | 11. September 2019

      gegen pathologisch hilft Pasta, logisch!

  3. Annemarie Meyer 11. September 2019

    oh, oh, ich lese gerade die Nachricht über das Wetter auf Mallorca! Hoffentlich bist du viel zu früh, bevor es losging, mit Icke und Keksen auf deinem Sofa angekommen!

    • Tina Autor des Beitrages | 11. September 2019

      sagen wir mal so: Ich bin extra früh nach einem dicken Schauer mit dem Hund raus, um dann pünktlich mitten im nächsten Schauer zu landen 🙂

      • Annemarie Meyer 11. September 2019

        Na, die Hautsache, ihr seid nicht weggespült worden! Da bin ich ja beruhigt und kann über deinen Post lachen! DAnke dafür!

  4. Margrit 11. September 2019

    Zum Überbrücken hilft da nur die „Viel-zu-früh-Meditation“ eines berühmten Meditatinslehrers, der noch gar nicht geboren ist. Tja, Tina du bist ca. 33 Jahre zu früh dran.

    • Tina Autor des Beitrages | 11. September 2019

      ich fürchte auch, Margrit 😀

  5. Chris 11. September 2019

    Wahrlich ich sage Euch: es wird eine Zeit kommen, da der Coole uncool ist und der Uncoole ist cool. Saucool! Und das sind dann wir. Aber darauf müssen wir noch etwas warten. Aber das können wir ja gut.

    • Tina Autor des Beitrages | 11. September 2019

      jawoll!!!!

  6. TinaAssika 23. September 2019

    Es ist so schwer zu spät zu kommen!

    🙂 🙂 🙂 🙂

    Übrigens, „lässige ZuSpätKommer“ habe ich auch in der Familie! 🙂

    Danke für Dich, Tina! (naja und auch Icke.) 😉

    • Tina Autor des Beitrages | 27. September 2019

      Danke fürs Vorbeilesen 🙂

  7. Daniela 26. September 2019

    Es ist nie zu früh und selten zu spät (so lautet meine Ausrede für alle Fälle 😉 )

    • Tina Autor des Beitrages | 27. September 2019

      genau! 🙂

  8. Melina Gracht 30. September 2019

    Witzig ist, dass mein Papa auch Wassermann ist und er regelmäßig zu spät kommt. 🙂 Vielleicht gilt es in beide Richtungen. :-)))

    • Tina Autor des Beitrages | 1. Oktober 2019

      es gibt einen großen Unterschied zw Wassermann-Frauen und Wassermann-Männern. Ich glaube, es liegt daran 😉

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