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Wer andren in die Fenster guckt…

Icke und ich machen einen einen Spaziergang durchs Dorf.
„Weißt du, was ich hier auf Mallorca so richtig doof finde, Icke?“
„Ne, was denn?“
„Dass die Mallorquiner grundsätzlich alle Fensterläden an ihren Häusern geschlossen haben. Winter wie Sommer. Ich kann überhaupt nicht in deren Wohnungen gucken.“
„Man glotzt auch nicht in anderer Leute Fenster“, sagt Icke streng. „Wir sind hier ja schließlich nicht in Holland.“
„Ich weiß, aber mal ehrlich. Wer tut das denn nicht gerne? Das ist doch spannend.“

Besser als Fernsehen

Ich gebe zu, anderen ins Wohnzimmer gaffen, ist nicht die feine englische Art, aber so viel besser als Fernsehen. Und gesünder auch. Es regt die Phantasie an, dehnt die Nacken-Muskulatur und man ist gleichzeitig auch noch an der frischen Luft. Und was man da alles zu sehen bekommt: Armeen staubiger Hänge-Makramee-Eulen. Das komplette Sortiment tropischer Büropflanzen und Orchideen. Kunst – vom röhrenden Hirsch bis zur klassischen Van Gogh’schen Sonnenblume über dem Sofa. Streitende, essende oder schweigende Ehepaare. Hypnotisierte Kinder vor dem Fernseher. Staubsaugende, kochende oder Fenster putzende Hausfrauen, auf Leitern stehende Hausmänner, gelangweilte Teenager, noch gelangweiltere Wohnungskatzen, einsame Wellensittiche und immer noch sehr beliebt: starr dreinschauende Porzellan-Puppen auf der Fensterbank, die sich vermutlich nachts in Monsterpuppen verwandeln und… aber ich schweife ab.

Privat(atmo)sphäre

„Du bist eine Voyeurin!“, sagt Icke und betrachtet mich amüsiert.
„Bin ich gar nicht. Ich interessiere mich nur für das Leben meiner Mitmenschen. Bekleideter Mitmenschen, wohlgemerkt. Aber die Mallorquiner mache es einem echt schwer. Ich meine, das ist eine Touristen-Insel. Die können doch nicht einfach ganze Dörfer verbarrikadieren und so tun, als wenn keiner da wäre. Das ist unhöflich. Ich fühle mich abgewiesen. Ausgeschlossen. Da sind wir Deutschen ja geradezu offenherzig gegen.“
„Schon mal was von Privatsphäre gehört?“
„Interessant, mein Lieber, das ausgerechnet du das sagst. Du glotzt permanent und ungefragt in mein Seelenleben. Das ist viel schlimmer, als im Vorbeigehen in ein Wohnzimmer zu linsen. Und dann kommentierst du auch noch immer alles. Das ist echt kriminell.“

Gemütlich

Wir schlendern weiter und so sehr ich mich auch bemühe, ich finde kein Fenster, wo ich reingucken kann. „Du Icke, ist das zu glauben? In sechzehn Wochen ist schon wieder Weihnachten. Sollen wir mal wieder nach Deutschland auf den Weihnachtsmarkt?“
Icke bleibt stehen und sieht mich prüfend an. „Dir gehts doch gar nicht um den Weihnachtsmarkt. Du willst anderen in die vier Wände glotzen.“
Ich grinse. „Naja, die Vorweihnachtszeit ist dafür sozusagen Hauptsaison. Da lohnt sich das so richtig. Überall leuchten Lichterketten, alle sitzen auf dem Sofa, essen Lebkuchen, zünden Kerzen an und haben sich schrecklich lieb. Herrlich! Und in Verbindung mit dem Weihnachtsmarkt ist das perfekt.“
„Kann es sein, dass du irgend so eine unverarbeitete Weihnachts-Harmonie -Macke am Laufen hast?“
„Siehst Du, jetzt machst du es schon wieder!“
„Was?“
„Du glotzt einfach in mich rein. Ungefragt. Und dann gibst du deinen Senf dazu ab. Sowas würde ich nie tun. Ich gucke und gehe weiter.“
Icke bleibt vor mir stehen und guckt mir tief in die Augen. „Mannomann, in deiner Seele sieht es ganz schön düster aus. Häng dir doch mal ne Lichterkette da rein. Vielleicht hilft das.“
„Ach, lass mich doch in Ruhe! Spanner!“
„Haben wir Lebkuchen zu Hause?“
„Nein! Und wenn, ist das meiner! Und das mit dem Weihnachtsmarkt kannst du vergessen. Ich fahr mit jemand anderem! So!“

Mit Schreib und Seele,
TINA

5 Kommentare

  1. Sylvia 4. September 2019

    Grausame Vorstellung: du, die nach Harmonie suchende, Fremdfensterguckerin und Icke, der durch seine mit einem langen dich pieksendem Finger, zum Weitergehen animierenenden Fiesling.
    Ich sehe es genau, wie du da stehst, den Kopf leicht auf die Seite legst und lächelst. Du schaust auf einen schön gedeckten Tisch, der in der Mitte einen wundervollen Apfelschmandkuchen beherbergt. Du gehst gedanklich näher ran um ihn zu riechen. Und dann … PLATSCH … Icke haut mit der flachen Hand mitten rein. Der Schmand läuft dir die Stirn runter … es klebt fürchterlich. Da ist sie wieder diese Gewissheit Icke ist „n Arsch…“ und du beschließt den Weihnachtsmarkt ohne ihn zu besuchen, ganz harmonisch 😉
    Und mit den verbarrikadierten Mallorquinern musst du mal ein ernstes Wort reden … Integration fängt damit an, dass man Fremde am Leben teilhaben lässt. Weg mit den Fensterläden !!

    DANKE für die Bilder im Kopf..
    Sylvia

    • Tina Autor des Beitrages | 5. September 2019

      🙂 🙂

  2. Margrit 5. September 2019

    Da hilft nur eins. Du musst mit dem Schlauchboot ans spanische Festland paddeln. (Nimm den Icke mit und lass den paddeln 😄) Dort öffnen die Leute abends einer ihrer Fensterläden und man kann in eine Art „Parade Wohnzimmer“ blicken. Diese Zimmer sind so eine Art Stillleben. Ob da jemand drinn wohnt, weiß ich nicht. Bis jetzt habe nur eine Katze und einen schlafenden Hund gesehen. Viele Grüße ins „Fensterläden-Land“.

    • Tina Autor des Beitrages | 7. September 2019

      Margrit, wenn Icke paddelt, kommen wir nie an, so viel steht fest.
      Und das mit dem Parade Wohnzimmer gibts in Griechenland auch. Da liegen überall Spitzendeckchen auf den Anrichten und man geht nur rein, bei ganz besonderen Anlässen.
      Aber was ich ja suche, ist das pralle Leben in den Wohnzimmer. Vielleicht einen handfesten Familienstreit?
      Leider fällt man immer auf, wenn man zu lange stehen bleibt, daher kriege ich nie das Ende mit! 😀

  3. TinaAssika 23. September 2019

    Ich mag auch so gern in Fenster schauen. 😉
    Aber wir wohnen im Vogelschutzgebiet, da gibt`s nur unser Fenster und den Inhalt kenne ich genau.

    Aber „früher“ habe ich in den „Großstädten“ Oldenburg und Braunschweig gewohnt und habe abendliche Spaziergänge geliebt! Besonders ab Herbst, wenn ab 16 Uhr bereits die Lichter in der Wohnstube angingen. 🙂

    Mich interessierten aber nie die Menschen, sondern nur die Einrichtungen.

    Meine Mutter sagt, das war schon als Kleinkind bei mir so. Wenn sie mit mir auf Besuch gingen, habe ich mir nur die Räume angesehen, alles, vom WC bis Wohnzimmer. Reden wollte ich nicht! Nur gucken!
    Also, dafür kann man nix!
    Ist angeboren!
    Liegt quasi in den Genen!

    Ich kann dich also gut verstehen, Tina!

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