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Rassetypisch

Es wird dringend Zeit für eine Icke-Inspektion und da ich mit Hund Spike ohnehin zum Tierarzt muss, kann er Icke ja gleich mal mit untersuchen.

Prachtkerl

Wir sitzen im Wartezimmer und während klein Spike schlotternd unter meinem Stuhl kauert und auf den Ausgang starrt, schneidet Icke einem schniefenden Mops Grimassen.
„Lass das, Icke!“
„Was ist das?“, fragt er. „Ein Kugelfisch, oder so?“
„Nein, das ist ein Hund. Ein Mops. Die müssen so sein.“
„Dann hat er aber einen Kugelfisch verschluckt, so wie der röchelt.“
Die Mops-Besitzerin nimmt ihren Hund beleidigt auf den Schoß, und bevor Icke sich an dem Thema festbeißen kann, werden wir aufgerufen.
Beim Betreten des Behandlungszimmers stößt der Tierarzt einen Pfiff aus, stemmt die Hände in die Hüfte und mustert Icke. „Na, das nenne ich aber mal ein stattliches Expemplar.“
Icke starrt zurück und baut sich zu seiner vollen Größe auf, während ich die 30 Meter Flexileine samt Hund einhole wie eine Drachenschnur und die Tür schließen. „Ja, ehm, ich dachte, Sie könnten ihn mal ein bisschen durchchecken.“
Der Arzt schiebt sich die Brille von der Stirn auf die Nase. „Wirklich ein prächtiger Bursche. Wo haben Sie den denn her?“
„Ist mir zugelaufen. Vermutlich irgend ein Promenaden-Mischling.“
Icke knurrt.
„Nun, ich glaube, er ist reinrassig“, erwidert der Arzt und prüft Ickes Gebiss, der darüber so verblüfft ist, dass er still hält. „Sowas sieht man nicht alle Tage. Beeindruckend. Und was für ein lieber Kerl.“ Der Veterinär tätschelt Icke den Kopf. „Gibts denn irgendwelche Probleme?“

Rassetypischer Prachtkerl

Ich lache laut auf. „Probleeeme?“ Meine Stimme klingt hysterischer als eine Kreissäge und am liebsten würde ich schreien: „Sie haben dem Problem gerade ins Gebiss geglotzt“, aber ich beherrsche mich. „Naja, er hört ein bisschen schlecht. Er ist ziemlich stur. Und futterneidisch! Er stellt jedes Kommando in Frage, ist sehr fordernd und gibt nie Ruhe. Er macht ohne Ende Dreck, räumt nie auf, steht ständig im Weg, beansprucht das Sofa für sich und ist fauler als Fallobst. Aber sonst ist alles in Ordnung.“ Der Arzt nickt und lächelt. Unterdessen ist Hund Spike damit beschäftigt, unter dem Untersuchungstisch unsichtbar zu werden und durch die Zimmerwand zu diffundieren.
„Keine Sorge“, sagt der Arzt und hört Ickes Herz ab. „Das ist durchaus rassetypisch. Aber er ist ein bisschen übergewichtig, wie ich sehe.“
Icke fletscht die Zähne.
„Fressen ist sein Lieblings-Hobby. Je ungesünder, desto besser.“
Wieder nickt der Arzt. „Sie könnten versuchen, den einen oder anderen Snack durch Obst oder Gemüse zu ersetzen.“
Jetzt nicke ich und lächle milde. „Haben Sie schon mal Obst oder Gemüse gesehen, das aussieht wie Chips? Und auch genau so schmeckt? Ich auch nicht.“
„Mhm, wie wäre es mit ein bisschen Sport? Agility zum Beispiel? Oder Fahrrad fahren? Joggen?“
Es wird still im Raum. Sogar Spike hört einen Moment auf zu zittern. Icke und ich starren den Arzt fassungslos an. Der hebt die Augenbrauen. „Verstehe. War nur so eine Gedanke. Tja, er stammt nun mal vom inneren Schweinehund ab.“
„Herr Doktor, vielleicht können Sie ihn impfen. Gegen Tollwut. Gegen ständiges Widersprechen. Gegen Klugscheißerei, gegen Mundgeruch und Schnarchen. Gegen alles?“
„Gute Frau, Ihr innerer Kritiker ist kerngesund und braucht keine Impfung.“
„Warum nervt er dann ständig so?“
„Das liegt in seiner Natur. Sie müssen sich das wie eine Art Hüte-Trieb vorstellen, den er ausleben will. Beschäftigen Sie ihn. Fordern Sie sein Gehirn.“
„Welches Gehirn? Das einzige, was er sich merken kann, ist, wo der Kühlschrank steht.“
Herr Doktor setzt sich hinter seinen Schreibtisch. „Ich schreibe ihm ein paar Vitamine auf und dann sehe ich mir den kleinen Spike mal an.“
Als mein Hund seinen Namen hört, ist sein Blick so verzweifelt, dass mein Herz weich wird. „Nein, nein, den Hund habe ich heute nur so mit. Damit er mal eine positive Erfahrung beim Tierarzt macht.“
„Achso. Na, dann will er doch sicher einen Keks.“

Rassetypischer, übergewichtiger Prachtkerl

Spike rührt den Keks vom Tierarzt nicht an. Dafür schlingt Icke gleich fünf auf einmal hinunter und wir verlassen, zu Spikes Freude, das Sprechzimmer.
„Hast du gehört?“, frohlockt Icke. „Ich bin ein Prachtkerl!“
„Ein übergewichtiger Prachtkerl mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom“, zische ich zurück.
Am Ausgang fällt mein Blick auf ein schwarzes Brett. Labradorwelpen abzugeben. Kleine schwarze Kätzchen suchen neues zu Hause. Papagei gefunden.
Da kommt mir eine Idee. Mein Gehirn läuft auf Hochtouren.

Prachtkerl sucht neuen Wirkungskreis
Innerer Kritiker, reinrassig (ohne Papiere), männlich, nicht kastriert, stubenrein, verschmust, gut erzogen, sozial verträglich, sucht neues Sofa zum Vollkrümeln…

…oder so ähnlich. Muss ich noch etwas dran herumfeilen.

Mit Schreib und Seele,
TINA

6 Kommentare

  1. Susanne 31. Juli 2019

    Och Tina 😆
    Siehste …das ist aber auch ein Süßer Dein Icke 🍔🍕🍗🍰🍫🍭
    Den kannste doch nicht in Panik versetzen und abgeben 😉
    Ihr Zwei habt mir schon gefehlt ☺
    Liebe Grüße Susanne und Grummel 🐉

    • Tina Autor des Beitrages | 1. August 2019

      Ihn will ja ohnehin keiner 🙂 Aber ihn ein bisschen in Aufregung versetzen, verbessert sein allgemeines Benehmen 😀
      Liebe grüße zurück! (auch an Grummel…)

  2. birgit 1. August 2019

    Ich bin gespannt, Icke kennenzulernen, liebe Tina.
    Wo er schon mal beim Arzt war, ist ja wohl sicher, dass er keine anstrengende Kranheit ist. 😉
    LG aus dem Hessischen

    • Tina Autor des Beitrages | 1. August 2019

      ansteckend nur bedingt, aber auf jeden Fall chronisch 😀 😀
      Liebe grüße aus dem Süden!!

    • Margrit 4. August 2019

      Verschmust und gut erzogen? Ja, das klingt wirklich nach Icke. Hi, hi 😜 entschuldige bitte Icke, das ist mir so raus gerutscht. 😃 Grrr, pffff – kicher, kicher.

      • Tina Autor des Beitrages | 4. August 2019

        naja, in gewissen Fällen darf man die Wahrheit ein bisschen…nett umschreiben 😀

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