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Icke und die Touristen

Icke hat beschlossen, sich ein zweites Standbein aufzubauen. Er meint, man wisse ja nie, was die Zukunft so bringt.
„Ich werde Touristen-Kritiker“, ruft er und in seinem Blick liegt jene Mischung aus Wahnsinn und wilder Entschlossenheit, die mich nichts Gutes ahnen lässt.
„Und was bitte soll das sein?“, frage ich.
„Sagt doch der Name. Ich kritisiere Touristen. Hast du mal gesehen, wie die hier auf Mallorca rumlaufen? Sowas würden die sich zu Hause nicht erlauben. Das muss denen doch mal jemand sagen!“
Ich werfe einen langen Blick auf seine ausgetretenen Hausschlappen. Diese Dinger aus rotblau kariertem Filz, in die er jeden Morgen hineinschlüpft, um sie bis zum Abend nicht mehr auszuziehen.
„Okeee“, erwidere ich und hoffe, die Sache hat sich damit erledigt.

Tapas und andere Denkmäler

Doch Icke hält an seinem Vorhaben fest und setzt es bei unserem nächsten Besuch in Palma in die Tat um. Kaum haben wir das Parkhaus verlassen, rennt er los und platzt mitten in einer Gruppe orientierungsloser Touristen. „Señoras y Señores, wie ich sehe, brauchen Sie Hilfe. Hier bin ich!“ Er spricht in einem schlecht imitierten spanischen Dialekt und verbeugt sich wie ein Zirkusdirektor. Die älteren Herrschaften schauen ihn misstrauisch an. Ich setze mich derweil auf eine Bank und lasse dem Drama seinen Lauf.

„Vielleicht darf ich Sie darauf aufmerksam machen, dass sich hinter Ihnen die Kathedrale La Seu befindet. Ich könnte Ihnen erzählen, wann, wie und warum diese erbaut wurde, aber …“
Die Gruppe wendet sich ab, und macht Anstalten zu fliehen, doch Icke lässt nicht locker. „… aber Jahreszahlen sind nichts weiter als Schall und Rauch, nicht wahr, Señorita?“, sagt er und legt einer wackeligen alten Dame mit graublauer Frisur den Arm um die Schulter. Zu meiner Überraschung fängt diese an zu kichern und einer der Herren schießt ein Foto von den beiden.
„Das, was Sie jetzt brauchen, ist etwas zu essen. Und zu trinken“, fügt Icke hinzu, und die Touristen murmeln, sehen sich gegenseitig an und nicken.
„Dachte ich mir“, sagt Icke und knipst mir heimlich ein Auge zu.
„Jitt et he och irjendwo Tapas, oder wie dat häss?“, fragt ein Herr mit imposantem Bauch und einem Strohhut auf dem Kopf, auf dem „I love Köln“ steht.
„Si, Tapas. Natürlich gibt es hier Tapas“, entgegnet Icke, reißt der Dame neben sich den Stock aus der Hand und streckt ihn nach Reiseführer-Manier in die Luft. „Folgen Sie mir.“

Der Tourist lebt nicht vom Brot allein

Die Gruppe tippelt willig hinter ihm her. Ich folge in gebührendem Abstand und hoffe, dass ich Icke am Abend nicht aus einer Zelle der Guardia Civil freikaufen muss.
Wir landen in einer der hiesigen Tapas-Bars, und bevor ich mich versehe, hat Icke mich mit an den Tisch gezehrt und platziert mich zwischen dem Herrn aus Köln und einer Dame mit einem schreiend-bunten Hängerkleid, aus dem ihre Arme herausquellen wie Würste.
„Meine Assistentin“, erklärt Icke meine Anwesenheit beiläufig, und dann winkt er den Kellner heran und bestellt, was die Karte hergibt. Zu meiner Verwunderung spricht er die Namen der Gerichte so perfekt aus, dass man meinen könnte, er hätte sie persönlich erfunden. Patatas bravas, Pimientos de padron, Chorizo de sarta picante, Gambas al ajillo, Croquetas de jamón, Pa amb oli, Tumbet … und Wein. Jede Menge mallorquinischen Wein. Der Kellner gerät zusehends in Verzückung und kritzelt irgendwelche Zeichen auf seinen Block. Die Touristen haben sich inzwischen ihrer Hüte, Sonnenbrillen, Kopftücher und Fotoapparate entledigt und strahlen einander an, als hätten sie im Lotto gewonnen.

Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss

Sind Sie hier geboren?“, will eine Dame von Icke wissen und ihre, aus winzigen, weißen Löckchen bestehende Dauerwelle, erinnert mich an das tote Schaf, dass ich neulich …, aber das ist eine andere Geschichte.
Icke breitet die Arme aus. „Meine Heimat ist überall. Aber mein zu Hause ist Mallorca“, ruft er, und ich bin froh, dass der Kellner den Wein bringt. Das erste Glas leere ich in einem Zug und kippe, nachdem wir alle angestoßen haben, das zweite direkt hinterher.
„Et jeht doch nix üvver e jood Kölsch“, sagt der Mann neben mir und zwinkert mir zu.
„Ich habe mal in Düsseldorf gewohnt“, erwidere ich und als er sein Grinsen wiedergefunden hat, nimmt er mich in den Arm. „Ejal Mädche, dat kann jo mol passiere!“
Ich komme nicht dazu, ihm zu sagen, dass ich Sauerländerin bin, denn Icke hält nun Vorträge über die Insel, deren Bewohner und Gepflogenheiten, und zwischendurch verteilt er Komplimente an die anwesenden Damen, die an seinen Lippen hängen, wie Muscheln an einem Bootsrumpf.

Gruppenbild mit Socken

Nach dem fünften Glas Wein fange ich an, das eigenwillige Grüppchen irgendwie lieb zu haben. Sie fuchteln mit ihrem Besteck kreuz und quer über dem Tisch herum, essen, trinken, lachen und stoßen Geräusche der Begeisterung aus. Ein Herr mit Glatze und einer Nase, die so rot und narbig ist, wie eine überreife Erdbeere, gibt im feinsten Ruhrpott-Platt Altherren-Witze zum Besten, die alleine durch die Tatsache, dass er jede Pointe versaut, komisch sind. 
Irgendwann sind die Teller, Schüsseln und Töpfe leer und wir alle haben rote Wangen vom Wein und lautem Lachen. Icke bestellt die Rechnung, aber die Reisegruppe beschließt einhellig, dass wir eingeladen ist. Als Dank bestellt Icke noch eine Runde Hierbas (für die Verdauung) und erklärt sich für ein Gruppenfoto bereit, woraufhin die freundliche Dame mit der Dauerwelle mir ihren Fotoapparat in die Hand drückt. Ich habe selten so eine glückliche Gruppe älterer Leute in weißen Tennissocken und Sandalen gesehen.

Als Icke und ich zurück zum Parkhaus wanken, bleibe ich kurz stehen:
„Sach ma“, sage ich mit schwerer Zunge. „Du hast nicht einen von denen kritili … kritsi … kritikiert! Ich dachte, du willst Touristen- Kritiker werden.“
Er denkt einen Augenblick nach: „Vielleicht liegt mein Talent eher in der Motivation. Touristen-Motivator, wie klingt das? Oder Motivateur?“
„Ja, ne is klar. Menschen zu motivieren, ist deine absolute Kern-Kompetenz. Immer schon gewesen“, lalle ich, und hoffe, dass ich noch Kopfschmerztabletten zu Hause habe.

Mit Schreib und Seele,
TINA

PS Danke, „Mann us Kölle“ für die bereitwillige Übersetzungshilfe! Jood jemaach!

10 Kommentare

  1. Muschelschubser 1. Mai 2019

    Pommes, Pommes. 😲
    Sechs Glas Wein. Deine Probleme ohne Alkohol nehmen zu. Ich hoffe das Icke Dich nach Hause gefahren und zu Bett gebracht hat!?

    • Tina Autor des Beitrages | 2. Mai 2019

      Mallorquinischer Wein zählt zu medizinischer Nahrungsergänzung… also alles gut!

  2. Barbara 1. Mai 2019

    Du hättest Icke aber nicht wirklich freigekauft? :-O

    • Tina Autor des Beitrages | 2. Mai 2019

      nein natürlich nicht. Ich hätte ihn in der Zelle schmoren lassen, bis er versprochen hätte, für immer den Haushalt zu machen und nur noch nette Sachen zu sagen 🙂

  3. Sylvia 1. Mai 2019

    Dir und Icke danke ich so sehr für die Gerüche, die mir beim Lesen unwillkürlich entgegenströmten … Knoblauch, der Duft frischen Brotes, Oliven, der Haarfestiger der alten Dame, die Auspuffabgase der vorbeituckernden Roller der süsse Wein. Das Gemisch aus Staub und Tiroler Sonnenöl auf der Haut, etwas mit schwerem Rasierwasser übertünchter Schweiss der Kellner, die leicht salzige Brise. Für ein paar Minuten saß ich mit an dem Tisch, schämte mich für die teils sehr saloppe Kleidung meiner Tischgenossen und wurde mit jedem Glas Wein mehr Teil dieser Gesellschaft.
    Danke für die paar Minuten… „mir doch egal, es ist ein schöner Abend“ … herrlich … 🥓🍗🥙🍤🍷🍷☀️

    • Tina Autor des Beitrages | 2. Mai 2019

      🙂 🙂

  4. Margrit 1. Mai 2019

    Wenigstens ist Icke urlaubstauglich – nur an Flip-Flops solltest du ihn noch gewöhnen.

    • Tina Autor des Beitrages | 2. Mai 2019

      stimmt, mit diesen Filzdingern kann er unmöglich im Sommer durch die Stadt latschen!!!

  5. Cathrin 3. Mai 2019

    … die an seinen Lippen hängen, wie Muscheln an einem Bootsrumpf.

    Ich liebe Deine Metaphern, Tina!

    • Tina Autor des Beitrages | 17. Juni 2019

      🙂 Danke

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