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Icke goes Karneval

Es ist Karneval und Icke feiert mit. Er geht dieses Jahr auf eine närrische Kritiker-Party und hat sich dafür extra ein Kostüm gebastelt. Ich wusste gar nicht, dass er sowas kann. Nun steht er in seiner Verkleidung vor mir und irgendwie muss ich an Samson aus der Sesamstraße denken. An einen sehr, sehr adipösen Samson, nach einem schlimmen Unfall. Ickes Kostüm besteht im Wesentlichen aus Glubschaugen und einem überdimensionalen Maul, gesäumt von riesigen Filz-Zähnen. Dort, wo sich in einem Rachen normalerweise das Zäpfchen befindet, schaut Ickes Kopf heraus und er grinst mich an.

Jedem Jeck jefällt sing Mötz

»Na Prinzessin, wie gefalle ich dir?«
Ich starre ihn an. »Was zum Schleier soll das sein? Oh nein, warte ich habs. Du gehst als Alptraum!«
»Hätte ich mir ja denken können, dass du das nicht kapierst. Das sieht ja wohl jeder. Ich gehe als Paradigma.«
»Para…was? Du meinst wohl eher Para-Dick-Mann!««
»Ach, du hast ja keine Ahnung!« Icke ist beleidigt und das Maul um ihn herum klappt bedrohlich auf und zu. 
Es ist naheliegend, dass er sich ausgerechnet das als Kostüm ausgedacht hat. Icke liebt Paradigmen. Er ist richtiger Fan von diesen Dingern und sammelt sie, wie andere Leute Briefmarken. Ganz besonders gerne mag er diese alten, verstaubten Denkmuster. Retro, wie er es nennt. Je starrer und unveränderlicher, desto besser. Dummerweise meint er mir ständig besonders hässliche Exemplare aus seiner Sammlung schenken zu müssen, und ich habe die hier dann rumstehen.

Jeder Jeck is anders

Icke walzt behäbig durch den Flur in Richtung Haustür. »So Spaßbremse, ich muss dann jetzt los! Holst du mich später ab?«
»Ne, geht leider nicht. Mein Schwertransport-Lkw ist gerade in der Werkstatt.“ Ich mache die Tür auf und winke Icke ungeduldig hinaus. „Und unterstehe dich, später noch Kollegen mitzubringen. Hier wird nicht weiter gefeiert! Dass das klar ist!“
Im Vorbeigehen haut er mir mit seiner Tatze auf den Kopf und zwängt sich durch den Türrahmen hinaus. Ich hoffe, dass nicht ausgerechnet jetzt Außerirdische landen und denken, alle Wesen auf der Welt sähen aus wie das, was da gerade aus meinem Haus herausquillt.
Kaum ist die Tür ins Schloss gefallen, renne ich ins Schlafzimmer und hole meine Flügel. Silbern glitzernde Flügel, die man sich wie einen Rucksack auf den Rücken schnallt. Das ist mein Kostüm. Denn ich gehe dieses Jahr als Vision. Als zarte, kleine Vision.
Zugegeben, dem Kostüm fehlt es noch an Details, aber im Gegensatz zum natur-jecken Rheinländer, fehlt mir als Sauerländerin nun mal das Verkleidungs-Gen.
Ich nutze Ickes Abwesenheit und flattere ein bisschen umher. Leichtfüßig, fast feengleich. Tue so, als würde ich fliegen. Hüpfe von Raum zu Raum. Als ich schließlich juchzend von der Sofa-Lehne springe, stoße ich versehentlich eines von Ickes Paradigmen um. Es fällt zu Boden und zerschellt in tausend Scherben. Ich überlege, ob ich das Ding kleben soll. Aber wozu? Es war ohnehin nur ein ganz scheußliches Vorurteil. Eines von diesen billigen Dingern, von denen man sich fragt, wer sowas überhaupt produziert.

Wat nix is, dat is nix

Es fällt ja immer schwer, sich von Dingen zu trennen, an die man sich gewöhnt hat. Aber nach Karneval werde ich ausmisten und überflüssige Denkmuster entsorgen. Diese schreiend bunten Klischees zum Beispiel, die Icke mir so gerne mitbringt. Oder die klobige, vergoldete Engstirnigkeit, bei der schon eine Ecke abgebrochen ist. Auch die gruselige Intoleranz aus Makramee, die am Fenster hängt und mir nur die Sicht versperrt. Weg damit! Braucht kein Mensch. Ich werde Platz schaffen für neue Ideen, neue Sichtweisen. Oder eben auch für die eine oder andere hübsche Vision. Zufrieden flattere ich weiter durch die Wohnung und komme am Spiegel vorbei. Ich finde, so Flügel machen ja wirklich einen schlanken Fuß. Die sollte ich öfter tragen. Im Winter unter einem dicken Anorak sieht man damit leider immer aus, als hätte man einen Buckel. Aber bald, wenn man keine Jacke mehr braucht, kann man sie prima zu Jeans und Tshirt kombinieren.
Naja, wie auch immer. Jetzt werde ich erstmal eine coole Visions-Party feiern, bis Icke wieder nach Hause kommt und mir, voll wie eine Haubitze, ordinäre Karnevals-Witze erzählt.

In diesem Sinne: Helau & Alaaf!!

Mit Schreib & Seele,

Tina

14 Kommentare

  1. Chris 27. Februar 2019

    Das mit den Flügeln ist die allererste Karnevals -Verkleidung, die mir spontan so gut gefällt, dass ich auch mitmachen möchte. Lass als Visionen gehen… heute nacht hab ich sowieso schon vom Fliegen geträumt.

    • Tina Autor des Beitrages | 27. Februar 2019

      LASS MAL ALS VISION GEHEN! Klingt wie der Anfang von nem Poetry Slam 🙂
      Guten Flug, Chris 😀

      • Chris 6. März 2019

        Puh, Gottseisgetrommelt is schon Aschermittwoch! Die Fliegerei is verdammt anstrengend.

        • Tina Autor des Beitrages | 7. März 2019

          ja wohl wahr, hab schon ganz lahme Arme 😉

  2. Gerrit 27. Februar 2019

    Du weißt aber schon, was alle Deine Leser jetzt vor ihrem inneren Auge sehen??? Kleiner Tipp…. es ist nicht der plüschige Icke!

    Liebe Grüße
    Gerrit

    • Tina Autor des Beitrages | 27. Februar 2019

      😀 ich nehme an, mit ALLE Leser meinst du DICH!????? Hey, das steht mir gut!!! Flügel machen sexy!!! 😀

      • Gerrit 27. Februar 2019

        Ich hoffe mal nicht, das ich Dein einziger (ALLE) Leser bin…..aber ich bin sicher das steht Dir!! 😉

        • Tina Autor des Beitrages | 28. Februar 2019

          das hoffe ich auch, Gerrit! 😀

  3. Sylvia 27. Februar 2019

    Ihr stehen sogar an einem Band um den Hals getragene Kartoffeln. Das war ihre Verkleidung bei unserem ersten gemeinsamen Karneval. “ JA WAS ?.. IM SAUERLAND IST DAS EIN KOSTÜM.“ war ihre schnippische Antwort auf fragende Blicke… Flügel finde ich eine enorme Steigerung!

    Und Icke erinnert mich schon wieder an jemanden …
    Helau …

    • Tina Autor des Beitrages | 28. Februar 2019

      Jaaa, die Kartoffel war ein super Kostüm. Wusste jeder sofort, als was ich gehe!
      Muss ja nicht immer alles bunt sein 😉

  4. Margrit 27. Februar 2019

    Ach, wäre das schön, mit zarten Flügeln durch die Wohnung flattern, statt an Krücken rum zu hinken. Und dann hüpft mein Innerer Kritiker auch noch hinter mir her und belehrt mich: „Die Krankengymnastin hat gesagt du sollst nicht hinken. Sie sagt….
    “ Neeeeein“. Ich halte mir die Ohren zu und sehe nur wie sich sein Mund unaufhörlich bewegt.
    Hilfe Tina, wo ist dieser Ball für Innere Kritiker.

    • Tina Autor des Beitrages | 28. Februar 2019

      Ich weiß es nicht Margrit! Hat Icke mir nicht verraten! Hauptsache, er kommt nicht mit lauter neuen Kumpels nach Hause!!

  5. TinaAssika 5. März 2019

    Hey Tina! Du hattest eine Icke-Freie-Zeit!
    Wenn das nicht schon ein Mega Gewinn ist. 😉
    Ich hoffe sehr, du hast sie genossen?

    Du süße zarte Vision!
    Immer schön den Fokus drauf halten. Dann werden aus den Flügeln Wurzeln wachsen.

    (Sieht nur nicht mehr so hübsch aus….mmmh… doof)

    Liebe Grüße vom Nicht-Karneval-Norden in den Süden von TinaAssika.

    P.S.
    Zu uns kommen all`die KarnevalsFlüchtlinge… sollte mir eigentlich zu denken geben…
    Der hohe Norden mit den Spaßbremsen?

    • Tina Autor des Beitrages | 5. März 2019

      Ich würde eher sagen, die Flüchtlinge suchen eher den versteckteren Humor. Den ohne Pappnase. den ganz nordisch-trockenen Humor, nach zwei, drei Küstennebeln 🙂

      Liebe Grüße!

      PS Icke ist wieder da…grmpf…

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