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Versalzen!


„Hallo Schatz, was gibts zu essen?“, fragt Icke mit Blick in den Kühlschrank. Er angelt eine verschrumpelte Kohlrabi heraus und hält sie mir vorwurfsvoll unter die Nase.
„Küche geschlossen!“, antworte ich schnippisch. Blödmann! Er trifft mich mal wieder an einer empfindlichen Stelle und streut sozusagen Salz in meine offene Kochwunde.

Allzeit lecker!

Als ich jung war (also anders jung als ich es jetzt bin), habe ich mir gewünscht, ich hätte das Talent, aus dem Nichts etwas Leckeres auf den Teller zaubern können. Ich hatte davon geträumt, stets in der Lage zu sein, überraschende Gäste mit kleinen lukullischen Sensationen verwöhnen zu können. Sah mich im Sommerkleidchen mit einem Korb über den Markt flanieren und Selleriestangen auf ihre Frische prüfen, während zu Hause der soeben gebackene Kuchen abkühlt.
Ich kenne eine Frau, die das tatsächlich hin bekommt. Wann immer jemand ihr Haus betritt, zaubert sie mal eben eine Lachs-Terrine mit frischem Brot aus dem Hut. Oder auf dem Herd schmort ein wärmendes Süppchen. Im Wohnzimmer stehen immer Delikatess-Gebäck und handgefertigte Pralinen, hübsch angerichtet in edlen Etageren. Diese Frau schafft es sogar beim Italiener empört zu fragen:“Was? Du nimmst Vitello Tonnato? Wie kannst du nur? Du hast meins wohl noch nie gegessen. Ich mache das beste Vitello Tonnato der Welt.“ Dabei ist es ihr egal, ob der Kellner gerade neben ihr steht und empört aus seiner Schürze glotzt.
Bei mir würde das Gebäck keine Stunde überleben. Die Suppe wäre, wenn Besuch kommt, längst angebrannt und wenn ich tatsächlich eine Lachs-Terrine im Kühlschrank hätte, käme keine Sau vorbei, um es zu bezeugen.

Oder meine Cousine zum Beispiel. Bei ihr vereinen sich Spaghetti und Tomaten in einer so unerhört italienischen Lässigkeit zu köstlichen Pasta-Gerichten, dass ich mich jedes Mal auf einer rot-weiß-karierten Wolke wähne und glücklich o sole mio vor mich hinsummen möchte. Ihre Spaghetti werden freiwillig al dente, ohne dass sie auf die Uhr gucken muss. Und dann sieht sie beim Kochen auch immer noch so gut aus. Als wäre sie gerade ganz zufällig am Herd vorbeigekommen. So italienisch eben. Ohne eine Spur von Stress.  Sie hat mir mit einem Teller Pasta (und nicht nur damit) schon ziemlich oft das Leben gerettet. (Dass man nach Pasta unbedingt noch ein frisch gemachtes Tiramisu servieren sollte, muss ich ihr allerdings nochmal erklären!)
Bei mir jedenfalls schmecken Spaghetti irgendwie immer viel zu deutsch. Vielleicht liegt das daran, dass ich mit Miracoli aufgewachsen bin?

Püriertes Dingsbums an Sowieso-Püree

Es ist nicht so, als wenn ich nicht kochen könnte. Wenn ich ein Rezept habe, das mir in idiotensicheren Schritten erklärt, was ich zutun habe (und auf komplizierte Maßeinheiten verzichtet), kriege ich das hin. Meistens. Aber improvisieren? Sobald ich vom Weg abweiche, wird es ungenießbar und sieht auch so aus. Ich erinnere mich an meinen Versuch, einem (sehr einfachen) Gemüsegericht ein wenig Sojasauce beizufügen. Ich hätte das Ganze auch einfach draußen durch eine schlammige Pfütze ziehen können. Der optische Effekt wäre der selbe gewesen, es hätte nur vielleicht nicht ganz so salzig geschmeckt.
Hinzu kommt, dass ich in der Küche zu Hyper-Aktionismus neige. Ab einem gewissen Punkt stehen alle Schranktüren und Schubladen auf. Alles, was ich an Schüsseln, Tellern, Messern, Bohrmaschinen und sonstigem Werkzeug habe, ist in Gebrauch. Das Geschirrtuch fliegt im Sekundentakt von einer Seite der Küche auf die andere (und dient aus Versehen auch mal zum Schweiß abtupfen). Ich habe Mehl auf der Stirn und Fettflecken auf der Kleidung und der Hund betätigt sich als Wischmop und leckt alles, was runter fällt, vom Küchenboden.

Sous Chef in Aktion

Und Icke? Er steht mit einer albernen Kochmütze auf dem Kopf im Weg und macht sich so wenig nützlich, wie nur möglich. Immer wieder rührt er ungefragt in den Töpfen, dreht die Herdplatten rauf und runter und wenn er probiert, tut er so, als hätte ich ihn vergiftet. Kurz: er mischt sich ein, obwohl er vom Kochen so viel Ahnung hat wie vom Nett sein. Und immer, wenn mir etwas richtig gut gelungen ist, findet er den Geschmack so fade, dass ich das Ganze am Ende doch noch versalze! Er ist als Sous Chef also ebenso wenig zu gebrauchen wie als Tellerwäscher.
Den Traum von der begnadeten Köchin habe ich ad acta gelegt. Ich habe andere Qualitäten und daher beschlossen: Ich überlasse das Kochen einfach denen, die es können und verlege mich aufs Essen. Aufs Genießen. Das kann ich gut! Und solange es schmeckt, kann ich Icke, der mit einer Kalorientabelle neben mir sitzt und aktuelle Gewichts-Hochrechnungen bekannt gibt, prima ignorieren!

Bon appetito!

Mit Schreib und Seele,
Tina

Und was schmeckt euch so?

10 Kommentare

  1. Achim 21. November 2018

    Soo schön geschrieben – man kann das ständige Schmunzeln beim Lesen beim besten Wollen nicht unterdrücken – Klasse

    Mein Lieblingssatz:

    „Immer wieder rührt er ungefragt in den Töpfen, dreht die Herdplatten rauf und runter und wenn er probiert, tut er so, als hätte ich ihn vergiftet“

    Niemand kommt auf so einen Satz -absolutes Alleinstellungsmerkmal

    Gruß
    Achim

    • Tina Autor des Beitrages | 21. November 2018

      Wow Achim! Icke verdreht gerade die Augen 🙄 Aber ich sage DANKE!!! 🥰

  2. Margrit 21. November 2018

    Kochen ist voll einfach. Man wirft alles was im Kühlschrank ist, in eine Pfanne, rührt um und gibt zwei Eier dazu. 😁 Vorsicht den Icke nicht an den Salzstreuer lassen. Dann das Essen mit Petersilie garnieren und probieren. Wenn es nicht schmeckt, heimlich den Teller zu Icke rüberschieben. 😉

    • Tina Autor des Beitrages | 22. November 2018

      Das mit den zwei Eiern klingt gut 🙂 Danke fürs Rezept…hahahhahahahah

  3. Sylvia 21. November 2018

    Ich fand deine Seelentröster-Miracoli immer ausgezeichnet. Evtl. lag es aber auch daran, dass es stets genügend Ramazotti und Orange Blue dazu gab. Auf alle Fälle legt keiner so grazil das Basilikumblatt auf den übervollen Teller wie du 😉

    • Tina Autor des Beitrages | 22. November 2018

      Basilikumblätter?? Ich??? Auf Spaghetti????

      • Sylvia 23. November 2018

        Oder es war Icke 😎

        • Tina Autor des Beitrages | 23. November 2018

          Ne!! Der kann Basilikum nicht mal von Disteln unterscheiden…

  4. Maja ¸ღ¸☆´ 22. November 2018

    Egal, ob du kochen kannst oder nicht – du scheinst etwas davon zu verstehen. Sonst könntest du nicht so einen kulinarisch hochwertigen Text hinschreiben. *kiss*

    • Tina Autor des Beitrages | 23. November 2018

      Essen! Ich kann essen! 😁😁

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