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Back to the roots

Warum ich das tue, weiß ich nicht. Vermutlich macht man ab einem gewissen Alter Dinge, die mit Logik nicht zu erklären sind. Oder ich werde bereits sentimental? Ich folge dem Ruf der Vergangenheit und nehme an einem Ehemaligen-Treffen meiner früheren Schule teil. Dazu reise ich in meine alte Heimat, das Sauerland. Icke gebe ich Stubenarrest und drohe ihm Prügel an, falls er es wagt, mich zu begleiten. Bei der Veranstaltung kann ich ihn nun wirklich nicht gebrauchen. Zutiefst beleidigt beobachtet er mich beim Koffer packen und findet alles, was ich einpacke, unvorteilhaft und dem Anlass nicht entsprechend. Aber er hat ja auch keine Ahnung. Natürlich nehme ich auch die bequemen Sauerland-Latschen mit. Die, mit denen man gefahrlos durch jede Pfütze kommt. Ich habe da so meine Erfahrungen gemacht. Eine ganze Kindheit in wasserfesten Halbschuhen. Nicht ausgeschlossen, dass es jetzt, Ende September, dort schneit.

Vorwärts in die Vergangenheit

Voller Vorfreude breche ich auf. Alleine, und es fühlt sich gut an. Aber ich hätte es wissen müssen. Als ich irgendwo im bergischen Land nach einer Pipi-Pause wieder ins Auto steige, sitzt Icke auf dem Beifahrersitz.
„Was willst du denn hier?“, schreie ich und meine Stimme klingt viel zu hoch.
„Herzchen. Ich lass dich doch nicht alleine fahren. Das kommt gar nicht in Frage. In deinem seelischen Zustand.“
„Was denn für ein seelischer Zustand?“
„Na, sieh dich doch an. Du bist schrecklich nervös.“
„Icke, ich bin nicht nervös…ich…“
Icke steckt eine CD ins Radio und dreht voll auf. Die größten Hits vom Ballermann. Ich lasse den Kopf aufs Lenkrad sinken und mir wird klar, ich werde ihn jetzt nicht mehr los. Ich werde mit Icke und zehn nackten Frisösen ins Sauerland fahren. Ist das zu fassen?
„Na los, gib Gas!“, sagt Icke und grinst. „Nicht, dass die uns das Buffet wegessen!“

Läuft die Zeit, wir laufen mit

Unterwegs hält er nicht eine Sekunde den Mund. Er schneidet sämtliche Themen an, die ich bis jetzt gut verdrängt hatte. „Sag mal, hast du keine Angst, dass dich da keine Sau wiedererkennt?“
„Warum sollte mich keiner erkennen?“
„Naja, du bist ja auch nicht mehr die Jüngste. Ich meine, so Falten verändern einen ja doch ganz schön.“
„Halt die Klappe!“
„Wieso, was denn? Der Zahn der Zeit hat…“
„Icke! Noch ein Wort und …“
„Ja, ja schon gut! Wie lange ist dein Abitur jetzt her? 27 Jahre, sagtest du? Wusste gar nicht, dass es damals überhaupt schon Abitur gab.“
Ich bedenke Icke mit einem vernichtenden Blick. Im Radio läuft gerade „Hölle, Hölle, Hölle“ und ich hoffe nicht, dass das Universum mir etwas sagen will.

Verdammt lang her

Ist meine Schulzeit wirklich schon so lange her? Wie ist das möglich? Jetzt werde ich tatsächlich immer nervöser. Was erhoffe ich mir nur von dem Treffen? Vielleicht war das ganze eine Schnapsidee und ich fahre besser wieder nach Hause? Nein, ich ziehe das jetzt durch! Ich habe Namen von Leuten auf der Teilnehmerliste gesehen, die will ich unbedingt wieder sehen.
Als wir ankommen, scheint erstaunlicherweise die Sonne. Auf dem Parkplatz steht schon eine kleine Gruppe Leute und mir rutscht das Herz in die Hose.
„Die sehen aber nicht so alt aus wie du, oder? Guck mal, die da, die hat aber ein schickes Kleid an. Wieso hast du keins angezogen? Vielleicht solltest du dich doch nochmal umziehen. Oder wenigstens die Nase pudern und…“
Ich parke, drehe mich zu Icke um und hole tief Luft: „Ich schwöre dir, wenn du jetzt nicht die Klappe hältst, bringe ich dich um! Und zwar langsam und qualvoll!“
„Wollte doch bloß, dass du…“
Ich packe ihn am Kragen. „Das ist mein Ernst. DU BIST JETZT RUHIG!“ Zu meiner Überraschung wird Icke blass und schweigt. Ich werfe einen letzten Blick in den Rückspiegel, ordne mein wirres Haupthaar ebenso vergeblich wie mein Gefühlsleben und steige aus.

Jetzt ist Damals

Von diesem Moment an tauche ich ein in eine andere Welt, in eine andere Zeit. Finde mich in den Armen von erstaunlich vertrauten Menschen wieder. Verschmelze problemlos mit einer Gemeinschaft, die ein bisschen anders aussieht, aber in ihren Grundzügen offenbar noch funktioniert. Bei dem einen oder anderen muss ich überlegen, wer da vor mir steht. Mit anderen knüpfe ich einfach dort an, wo wir vor Jahren aufgehört haben. Vieles ist so, wie es immer war. Viele Verbindungen bestehen sofort wieder. Der Humor und der Unsinn, den wir erzählen, ist geblieben. Der besondere Ausdruck in den Augen hier, das nervöse Spiel mit den Händen dort. Die charmanten Grübchen bei diesem, das unverkennbare Grinsen bei jenem, das alles ist noch vorhanden. Vielleicht gibt es ein paar Pickel, Rotznasen oder Haare auf dem Kopf weniger. Ein paar Lebenserfahrungen mehr. Aber wir sind noch wir. Wir können es noch. Trinken unser Bier aus Flaschen, wie wir das immer getan haben. Wir quasseln alle durcheinander, bringen uns auf den neuesten Stand, finden zurück ins unsere Rollen.

Irgendwann begegne ich Icke. Er steht am Buffet und stopft sich gerade ein Mettwürstchen in den Mund.
„Na, amüsierst du dich?“, frage ich.
„Geht so. Mich erkennt überhaupt keiner. Die sehen mich nicht mal.“
„Das ist ja auch kein Wunder, Icke. Du warst nie besonders gemeinschaftstauglich, wenn du mich fragst. Außerdem hast du seit damals auch ganz schön zugelegt.“ Ich werfe einen vielsagenden Blick auf seinen Teller voller Partyfrikadellen vor seinem Bauch. Icke verzieht sich mürrisch und ich mische mich wieder unter die Leute und lasse mich von der guten Stimmung und den Erinnerungen tragen.

Zurück in die Gegenwart

Am Ende dieses Wochenendes habe ich Kopf und Herz voll mit schönen Gesprächen, Eindrücken und alten Geschichten. Ich bin seltsam berührt. Froh darüber, dabei gewesen zu sein. Lang vermisste Freunde wieder gesehen zu haben. Ein bisschen wehmütig auch, dass so viele Jahre vergangen sind. Traurig, dass das Wochenende so schnell vorbei ist. Mit einem schlecht gelaunten Icke im Schlepptau, reise ich zurück in die Gegenwart. Die Ballermann-CD verbanne ich ins Handschuhfach. Stattdessen drehe ich Supertramp auf volle Lautstärke und gelobe feierlich: Nochmal vergeht nicht so viel Zeit, bis man sich wieder sieht!

Mit Schreib und Seele,
Tina

Und? Was sind Eure Erfahrungen mit Klassen- oder Schultreffen?

(Foto: Akel e.V. – Bilderarchiv. Danke!)

6 Kommentare

  1. Gerrit 10. Oktober 2018

    Du beschreibst sehr genau wie viele von uns sich dort wahrscheinlich gefühlt haben…ich eingeschlossen. 😉

    • Tina Autor des Beitrages | 10. Oktober 2018

      ich glaube, das beruhigt mich. Irgendwie 😀

  2. Achim 10. Oktober 2018

    Ich gehe da nicht hin, obwohl es ein treffen samt Einladung gab.

    Schöne, einfühlsame Schilderung –

    • Tina Autor des Beitrages | 11. Oktober 2018

      Ich danke Dir, Achim (mein treuer Leser 😉 )

  3. Tina 14. Oktober 2018

    Tina, vielleicht solltest Du Icke öfters am Kragen packen… so richtig feste! 🙂
    Nun weiß ich auch, wer immer so flink die Hackbällchen vom Buffet wechfuttert 🙂 🙂 🙂 Ich war noch auf keinem einzigen Klassentreffen… mein „Icke“ kann sich da immer gewaltig gut durchsetzen… “ Du bist zu dick für ein Treffen“ , „was haste denn vorzuweisen“ , „ist doch einfach schon alles zu lange her“ , „die anderen sind alle fitter, besser, sexier als du“ usw.
    Selbst meine sonst so große Neugier ist dann zu schwach.
    Liebe Tina, ich sende dir ganz viele liebe Grüße von der Nordsee! Kussi!

    • Tina Autor des Beitrages | 14. Oktober 2018

      Tina!! Ich empfehle Dir, mal hinzugehen! Einfach um festzustellen, dass das alles nicht stimmt!
      Ich freue mich von dir zu hören und schicke dir liebe Grüße an die Nordsee zurück!!
      😘

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