Drücken Sie „Enter“, um den Inhalte zu überspringen

Aufklärung

Es ist an der Zeit, für ein wenig Aufklärung. Icke ist längst in einem Alter, da müsste er ein paar grundlegende Dinge beherrschen. Bevor noch was in Schieflage gerät. Da er gerade am Küchentisch sitzt, ergreife ich die Chance. »So, mein Freund, wir beide müssen reden«, sage ich, stelle ihm ein Glas Milch und einen Teller Kekse hin und setze mich zu ihm. »Also … ehm … weißt du, was Selbstliebe ist?«
Er sieht mich misstrauisch an. »Ist das wieder so ein neumodischer Esoterik-Kram?«
»Selbstliebe, mein lieber Icke, ist so alt wie die Menschheit. Nix neumodisch. Du müsstest davon schon mal gehört haben.«
Icke schüttelt den Kopf. Ich schiebe den Teller Kekse ein bisschen näher zu ihm und zwinkere ihm aufmunternd zu. »Also, du weißt doch, wie das ist, wenn zwei Menschen sich treffen. Da kommt es manchmal vor, dass die sich plötzlich ganz doll lieb haben. So gegenseitig. Ne?«
»Kommt jetzt die Nummer mit den Bienen und den Blumen?«
»Nein Icke! Hör mir zu. Das ist so: Es können sich zwei Menschen treffen und mögen. Es kann sich aber auch ein Mensch quasi selbst treffen und gut finden. Sich! Selbst! Verstehst du das?«

Icke nickt und stopft sich drei Kekse auf einmal in den Mund. Ich finde, unser Gespräch läuft super und wage mich weiter vor. »Pass auf! Wenn sich zwei Menschen begegnen und lieb haben, dann sind die auch ganz doll nett zueinander.«
Icke kichert zweideutig und es fliegen ein paar Keks-Krümel aus seinem Mund über den Tisch.
»Nein, sooo nett jetzt auch wieder nicht. Anders nett. So im Alltag. Mit Blumen, Komplimenten, gegenseitiger Hilfe, Verständnis, Reden und son Kram.  So wäre das auch, wenn man sich selbst gut findet«, erläutere ich weiter. »Dann behandelt man sich freundlich. Man redet nett mit sich. Lobt sich ab und an und lächelt sich sogar zu. Das ist etwas sehr natürliches.“
Icke tunkt einen Keks in die Milch und beobachtet, wie die Hälfte auf den Boden des Glases sinkt. Ich werfe ihm einen strengen Blick zu.

Er schiebt die Milch trotzig weg, sodass sie überschwappt. Ich stehe auf und hole einen Lappen. »Was ich sagen will ist, damit ich dich und mich lieb haben kann, müsstest du mir ein bisschen helfen. Du bist ja quasi ich. Und ich du. Wir sind wir.“
Icke glotzt mich an. «Sag mal, hast Du irgendwelche Pillen geschluckt?“
»Herrgott, nein. Es ist nur, wenn du die ganze Zeit an mir rum meckerst, dann kann ich dich…mich…also uns nicht lieb haben! Verstehst du das?“
»Nö!«
»Verdammt. Ich will, dass du ab heute nur noch nette Sachen sagst, Icke!« Ich haue ein bisschen zu fest mit der Faust auf den Tisch. Icke starrt mich beleidigt an.
»Entschuldige. Ich wollte nur sagen, dass du vielleicht ab und an mal was Positives zu mir sagen könntest. Meinst du, das wäre machbar? Ich mach dir das jetzt mal vor und sage was Nettes zu dir. Also:  ich finde, du bist als innerer Kritiker ziemlich …naja, ziemlich kritisch. Ich meine, du hast das drauf. Echt voll gut!« Ich grinse schief. Viel zu schief.

»Wow«, sagt Icke, »du bist im nette Sachen sagen aber auch echt ne Wucht!“ Er schüttelt den Kopf, grabscht sich noch ein paar Kekse und geht in Richtung Tür. »Kann ich jetzt fernsehen?«
»Jetzt warte doch mal! Sag doch auch mal was Nettes zu mir.»
Icke überlegt kurz. »Lecker, die Kekse!«, sagt er und verschwindet im Flur.
»Jaaaa, das ist doch schon mal was! Toll! Super Icke! Damit können wir arbeiten.« Ich raufe mir die Haare und klinge wie eine erschöpfte Kindergärtnerin. Frustriert schiebe ich mir einen Keks in den Mund.
»Hör auf, Kekse zu fressen. Hast du dir in letzter Zeit mal deinen Hintern angeguckt?,« ruft Icke aus dem Wohnzimmer.
»Halt die Klappe, Blödkopf“, blöke ich zurück. „Besser zuviel Hintern als zu wenig Hirn!«

Ich fürchte, da kommt noch ein bisschen Arbeit auf mich zu. Wie zum Geier bringt man einem inneren Kritiker Selbstliebe bei? Vielleicht ist Milch nicht gut? Oder wäre statt der Kekse Obst besser? Wann ist denn der beste Zeitpunkt für diese Art der Aufklärung? Oder ist es schon zu spät?
Morgen versuche ich es nochmal. Vielleicht malen wir mal ein hübsches Bild. Oder basteln was aus Makramee. Oder wir bilden einen Stuhlkreis und halten uns an den Händen. Irgendwann wird auch er das kapieren.

Mit Schreib und Seele,
Tina

6 Kommentare

  1. Achim 3. Oktober 2018

    Klärung – ohne Auf- hätte auch zu Deinem sehr schönen Beitrag heute gepasst.

    • Tina Autor des Beitrages | 3. Oktober 2018

      ne geklärt haben wir das noch nicht! Aber ich arbeite dran, Achim 😉

  2. Maggi 3. Oktober 2018

    Liebe Tina,
    der 03. Oktober … eigentlich ist heute der perfekte Tag für solch ein verbindendes, die (innere) Einheit förderndes Gespräch.
    Vielleicht geht ihr zwei ja auf eine gemeinsame Currywurst und ein Bierchen und schaut dann nochmal, was ihr alles Schönes zusammen habt. Hopfen soll ja östrogenartig wirken, was ggf. auch einen Icke etwas „netter“ macht. Ist einen Versuch wert … 🙂

    • Tina Autor des Beitrages | 3. Oktober 2018

      Maggi, bei der nächsten Currywurst probiere ich das auch. Solange ich die mit Icke nicht teilen muss 😀

  3. Chris 3. Oktober 2018

    Also Icke liebe dir! Du bist toll! Und dein Blog erst! Echt!

    • Tina Autor des Beitrages | 3. Oktober 2018

      ha!! Das nenne ich mal „was Nettes sagen“ 🙂 (ICKE!! Hast du das gelesen!!!!!!!?????)
      Danke Chris! 😀

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.