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Zahlen bitte!

Ich bin ein zahlenbewusster Mensch.
Will heißen, ich bin mir bewusst, dass es in dieser unserer Welt Zahlen gibt. Ich habe nur keine Ahnung, was die von mir wollen. Buchstaben verstehe ich. Die kann man aneinanderreihen und das Ganze ergibt dann S i n n. Man kann damit romantische Briefe oder Einkaufszettel schreiben. Ja, sogar sprechen. Mit Zahlen kriege ich das nicht hin. Ich brauche mindestens vier Ansätze um einen Dreisatz zu lösen und wie ich inzwischen weiß, geht es beim Satz des Pythagoras nicht um giftige Schlangen. Irgendwas ist da schief gelaufen, mit den Zahlen und mir. Ich habe lange an meiner Intelligenz gezweifelt. Aber die liegt im annehmbaren Normalbereich. Da musste es noch etwas anderes geben, warum es bei mir so anders war, als bei dem Jungen in meiner Klasse, der in Mathe immer eine Eins hatte. (Er war zu allem Überfluss auch noch ein Genie in Latein und Geschichte. Dafür trug er ganz gruselige Hosen mit Bügelfalte und lies mich regelmässig vor Langeweile ins Koma fallen, wenn er einen Aufsatz vorlas.)

1 x 1 = Icke

Die Erklärung ist einfach: Als ich in die Schule kam, wurde Icke mit eingeschult. Nur leider hat es niemand bemerkt, geschweige denn verhindert. Nachdem er mir meine Schultüte leer gefressen hatte, fing er ohne Umschweife an, mir das Rechnen madig zu machen. Die Grundschullehrerin (die gute Frau Rosemeyer!) gab sich solche Mühe, uns mit Hilfe von bunten Magnet-Zahlen an einer Tafel zu erklären, wie das 1 x 1 funktioniert. Aber Icke hatte nichts besseres zutun, als mir ständig zuzuflüstern, dass Zahlen nichts für mich sind. Dass ich dafür kein Talent habe, weil 1. zu blöd und 2. ein Mädchen. Außerdem hat er auch immer meine Hausaufgaben manipuliert. (Einmal, bei Mengenlehre, hat er mir eine ganze Gruppe Zwerge mit roten Mützen wegradiert und ich konnte meiner Lehrerin das nicht erklären!) Das alles hat mich sehr irritiert. Ebenso die spätere Erkenntnis,  dass man bei Textaufgaben gar keinen Text schreiben durfte. Was für eine Irreführung!

(a + b) – d • c = Schulweg

In der weiterführenden Schule kam es richtig dicke. Mein Mathelehrer, dem beim Anblick meiner Person immer nur Zahlen im Bereich zwischen 4 und 6 einfielen, wohnte in der selben Straße wie ich. Also war ich jeden Morgen gezwungen, meinen Schulweg so zu gestalten, dass ich ihm nicht begegnete und unnötige Fragen nach den Hausaufgaben riskierte. Dummerweise waren auch mein Bio,- mein Sport,- mein Lateinlehrer und mein Englischlehrer meine Nachbarn. (Kein Witz! Ich wohnte in einem Viertel mit der hübschen Bezeichnung „Paukershausen“) Ich musste mir daher einen sehr ausgeklügelten Zeitplan erarbeiten, um meinen Schulweg unbehelligt hinter mich zu bringen. Nicht selten musste ich erhebliche Umwege durch den Wald machen, durchs Unterholz kriechen, mich durch meterhohe Schneewehen graben oder hungrige Wölfe abwehren. Kein Wunder, dass ich das eine oder andere Mal zu spät zum Mathe-Unterricht erschien.

x = Liebe²

Natürlich versuchte man mir mit Nachhilfe auf die Sprünge zu helfen. Die Nachhilfe-Lehrer waren Schüler aus den oberen Klassen. So richtig coole Jungs, die sich ganze Nachmittage an meinen Mädchen-Schreibtisch setzten und Liter Weise Kaffee tranken. Während sie mir den Lösungsweg einer Gleichung versuchten anschaulich zu machen, studierte ich fasziniert die Form ihrer Hände und die Art, wie sie den Stift hielten. In die Jungs mit den schönsten Händen verliebte ich mich unsterblich, was dem Fortkommen meines Zahlenverständnisses nicht sehr zuträglich war. Denn statt trockener Gleichungen schrieb ich triefende Gedichte und fand, dass nur Liebe die richtige Lösung sein konnte. Icke stand derweil hinter mir, schüttelte den Kopf und fühlte sich bestätigt.

log (Tina) – log (Icke) = 0

Wann immer ich heute was rechnen soll, schreit Icke einfach wild irgendwelche Zahlen in den Raum und findet das auch noch lustig.  ELF, DREIUNDZWANZIG, EINS, HUNDERTVIERUNDSECHZIG! Ist es da verwunderlich, dass ich mich nicht konzentrieren kann und in eine infantile Blockadehaltung gehe? Ich bin ein bisschen traurig, dass ich es nie geschafft habe, in die Welt der Zahlen einzutreten. Vielleicht ist es dort ja doch ganz schön. Manche behaupten sogar, es wäre spannend. Schade, dass mir niemand gesagt hat, dass Icke Unsinn redet. Dass ihn niemand mal in die stille Ecke gestellt und mir Mut zugesprochen hat. Vielleicht wäre ich dann heute Professorin für angewandte Logik.

E = mc² 

Aber die Welt der Worte ist auch schön. Der Vorteil ist, man kann statt Logik einfach jede Menge Phantasie benutzen, ohne das am Ende irgendein falsches Ergebnis herauskommt. Höchstens etwas, was kein anderer versteht, aber dann kann man immer noch behaupten, es wäre Kunst. Jedenfalls plädiere ich dafür, dass Eltern und Lehrer sich bewusst machen, dass neben jedem Kind mit schlechten Noten womöglich ein innerer Kritiker mit guten Argumenten sitzt. Man muss nur genauer hinsehen. Und was den Jungen aus meiner Klasse angeht, so hätte ihm ein Tellerchen barmherzige Buchstabensuppe ab und an sicher gut getan.

Mit Schreib und Seele (und ohne Zahlen)
Tina

Und ihr so? Zahlen oder Worte? Oder nichts von beidem? 

15 Kommentare

  1. Achim 19. September 2018

    Tina, Du hast die richtige Lösung doch gefunden : „…und fand, dass nur Liebe die richtige Lösung sein konnte.“

    Ob sich das mathematisch ggfls beweisen lassen könnte, ist völlig unerheblich.

    Hatte ich wirklich so ne gruselige Hose damals an ? – und – in Geschi war ich nie so wirklich gut.

    Achim

    • Tina Autor des Beitrages | 19. September 2018

      ja, aber die Lösung wollte keiner hören…Achim.
      Nie im Leben warst du früher nen Streber! Oder doch?

  2. Margrit 19. September 2018

    Ich habs mit Zahlen und mit Buchstaben, dafür purzeln mir die Kommas an die falschen Stellen. In der Schule standen dann immer die falschen Zahlen als Noten unter den Dikdaten.

    • Tina Autor des Beitrages | 19. September 2018

      Du hast es mit BEIDEM????? Das ist aber beneidenswert!!!
      ach und Kommata sind überbewertet in heutigen Zeiten da kann man auch einfach alles kleinschreiben und hintereinander schreiben ohne dass das irgendwen stört immerhin sind wir in schnellen zeiten und bei facebook braucht man son zeug schon mal gar nicht is ja auch nicht so wichtig 😉

  3. Chris 19. September 2018

    Wie schön. Endlich eine schlüssige Erklärung. Wenigstens für dich.
    Und das mit den Händen und den Nachhilfelehrern zum Verlieben? Da hast du verdammt nochmal Schwein gehabt. Meine Nachhilfelehrer hatten allesamt besagte hässliche Hosen und die Hände konnteste vergessen. Und ich hab keinen Icke, auf den ich alles schieben kann.
    Aber immerhin weiß ich jetzt, wenn es keiner versteht, ist es Kunst. Damit kann ich doch arbeiten. Danke.

    • Tina Autor des Beitrages | 19. September 2018

      dafür hatte ich später einen… wenig attraktiven Klavierlehrer…. 😉
      Immer gerne. Danke fürs Vorbeischauen 🙂

      • Chris 21. September 2018

        Oh, dafür nich😉 du schriebst so schön…

  4. Sylvia 19. September 2018

    Dieser blöde Zeckenkopp, was denkt der sich nur? Suggeriert dir, wie wichtig doch Zahlen, Logik und Rechnen sind. Was denkst du, wieso das Alphabet mit A beginnt und Zahlen mit Z ganz am Ende der Evolution der Möglichkeiten steht? Genau: weil die Kraft der Buchstaben und Phantasien für starre Strukturen keinen Raum bietet.

    Alle, die durch Rechnen an ein Ziel gelangen, schaffen es, weil sie alle demselben Schema folgen, jeder (wenn er nicht vom Erlernten abweicht) erhält das selbe öde Ergebnis. Langweilig!

    Der Schreiber allerdings beginnt seine Aufgabe mit der „Möglichkeit“ eines Ergebnisses. Also genau andersrum. Er schafft es, sich dem angestrebten Ergebnis auf den unterschiedlichsten Wegen zu nähern. Buchstaben schaffen es, alles möglich werden zu lassen. Zahlen können nur starr nach Formeln Sinn ergeben.

    Beispiel: nehmen wir die 4 … jeder der 4 sieht hat bestimmte vorgegebene Grenzen für diesen Wert in seinem Kopf. 4 ist unendlich einseitig für sich allein gestellt.
    Schmeiß aber mal das Wort Elfe oder Gnom in den Raum. Jeder der es hört, hat etwas anderes im Kopf . Millionen von Möglichkeiten bietet ein Wort. Selbst ein Buchstabe für sich allein gestellt löst mehr Anwendungsmöglichkeiten aus.

    Was ich eigentlich sagen wollte. Ein Wassermann lässt sich nicht darauf ein, die Möglichkeit nur eines Weges zu akzeptieren. Er geht Umwege, macht Erfahrungen und besitzt den Mut sich auch mit einem anderen Ergebnis zu arrangieren. Icke ist garantiert ne Jungfrau 🙂 sowas von emotional unbeweglich …

    Sortiere dir meine Gedanken mal schön selber und komm zu deinem Ergebnis 😎

    Lieben Gruss an Icke

    • Tina Autor des Beitrages | 20. September 2018

      Ach, das hast du aber sehr schön formuliert. Ich musste es gar nicht sortieren 😉 emotional unbeweglich…gefällt mir!

  5. Cathrin 23. September 2018

    Wie gut, dass es heute einen Taschenrechner in jedem Handy gibt. Und wenn man den Bildschirm querlegt, gibt es da sogar log, sin, cos und tan 😜 Alles da für Zahlenmuffel. Wenn sie denn es doch mal brauchen. 😁

    Tina, dein Blog ist toll. Ich kringele mich jedes Mal.

    Liebe Grüße
    Cathrin

    • Tina Autor des Beitrages | 24. September 2018

      bei einem Taschenrechner muss man allerdings wissen, was man eingeben muss, um zum Ergebnis zu kommen.Auch nicht immer ganz einfach 😉

      Danke Cathrin, ich freu mich 🙂

  6. Gerrit 26. September 2018

    Wieder einer Deiner Texte die bei mir kleine Flashbacks auslösen….Danke dafür!!
    LG
    Gerrit

    • Tina Autor des Beitrages | 26. September 2018

      immer gerne 😀 Und Gerrit, du bist ja quasi Zeitzeuge und kannst bestätigen, dass ich von Lehrern umzingelt gewohnt habe. Mir glaubt das ja immer keiner! 😀
      (Dabei habe ich noch nicht erwähnt, wie schwer es war, nächtliche Partys abzuhalten, ohne den Lehrer neben an zu wecken! Aber wir haben es geschafft, oder? 😀 )

  7. Alex Conrad 26. September 2018

    Endlich fühle ich mich nicht mehr allein. Bestimmt ist bei mir in der Schulzeit auch ein Icke gewesen, nur habe ich ihn nicht gesehen, aber er muss es gewesen sein, der die Bilder der Mengenlehre in meinem Heft vertauscht hat. Und es ist auch immer wieder spannend bis heute (gut, passiert selten, dass ich es brauche), wenn ich etwas errechnen muss, erkenne, dass es Dreisatz ist, aber doch ums Verrecken nicht einfach die Formel anwenden kann-> da sitzt in meinem Kopf etwas, das sagt: Bist du sicher, dass die Formel stimmt? Willst du das, ohne zu kontrollieren, einfach benutzen?
    Das führt dann dazu, dass ich mir jedes Mal den Weg neu errechne, ewig dazu brauche. Ich muss mal auf alten Fotos suchen, ob da irgendwo einer hinter mir sitzt, der versucht, sich zu verstecken, und auf den Namen Icke oder ähnlich hört.

    • Tina Autor des Beitrages | 26. September 2018

      Nein, du bist nicht alleine. Glaub mir 🙂 Und ja, es gibt Ickes, die sind quasi unsichtbar. Man bemerkt sie erst Jahre später, wenn es zu spät ist und das Mathe-Gehirn sozusagen schon seine volle Prägung erreicht hat 😉 (ich habe Icke vorallem daran bemerkt, dass er mir schon vor der ersten Pause die Schulbrote weg gefressen hat!)
      Du bist übrigens im Vorteil, denn ich erkenne nie, wann ich den Dreisatz anwenden kann. Und die Formel muss ich jedesmal wieder nachgucken und kriege es dann trotzdem nicht hin. Es ist furchtbar!

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