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Katerstimmung

Icke und ich haben uns einen gepichelt! Aber mal so richtig. Das war seine Schuld! Ohne ihn wäre ich die Enthaltsamkeit in Person. Ich würde ausschließlich Wasser trinken, gesund essen und auch sonst alles tun, was man so macht, wenn man ein guter Mensch ist. Aber Icke kriegt mich immer wieder rum. Er ist ein Experte in Maßlosigkeit und hat ein perfektes Gespür für achtlose Momente.
Ach komm, ein Gläschen Sekt geht noch.
Na, noch ein leckeres Schokotörtchen zum Dessert?
Ein Absacker muss sein!

Ein Gläschen noch!

Der Abend war lustig. In netter Gesellschaft mit gutem Essen, guter Laune, gutem Sekt. Am Ende liegen Icke und ich uns sogar in den Armen und ich werde ein bisschen emotional. „Isch find dich eigentlisch manschmal nett, weischt du das?“
Er grinst wissend und schenkt mir nach.
„Wir sollten öftermalfeierngehen, findse nichauch?“ Ich gebe Icke ein Küsschen, nippe am Glas und kichere dann vor mich hin, weil ich Schluckauf habe.
Und zack, am nächsten Tag liege ich flach. Der Schädel brummt, der Magen rebelliert. Ich habe Kater. Icke sitzt auf dem Bettrand und amüsiert sich köstlich, während ich vor mich hin leide und zutiefst bereue.
„Na Schätzchen, willste nen Piccolöchen zum Frühstück. Für den Kreislauf?“
„Hau ab. Lass mich. Mir ist schlecht.“
„Oder wie wäre es mit saurem Hering?“
Ich renne ins Bad und verfluche Icke. Er nutzt meine Situation gnadenlos aus. Erst verführt er mich und dann macht er mir ein richtig schlechtes Gewissen. Er hält mir einen Vortrag über abgestorbene Gehirnzellen aufgrund von Alkoholgenuss. Über Alterungsprozesse wegen unsteten Lebenswandels. Über zuckerhaltige Lebensmittel, die gar nicht erst den Umweg über den Magen nehmen, sondern sich direkt als Fettpolster auf der Hüfte absetzen. Er lässt keine Möglichkeit aus, mir vorzuhalten, wie unsexy maßlose Menschen sind. Und dass nur die, die immer bewusst, gesund und in Maßen genießen, in den Himmel kommen (und da alles essen dürfen, was sie wollen!)

Des Lasters fiese Seele

Vor meinem inneren Auge schweben all die Currywurst-Pommes-Extra-Mayo vorbei, die ich in meinem Leben schon vertilgt habe. Schokoladentafeln und Torten. Nougat, Streuselkuchen und Schokoladen-Parfaits. Gulasch und Schnitzel, Weihnachtsplätzchen, Bier, (sogar Altbier), Sekt, Champagner und…. Entschuldigung, ich schweife ab.
Dabei lebe ich eigentlich gar nicht so ungesund. Ich rauche schon seit gefühlten hundert Jahren nicht mehr. (Ganz selten reite ich im Traum mit einer Marlboro im Mundwinkel durch die Prärie und spiele dabei auf einer Ukulele). Ich gehe andauernd mit dem Hund spazieren und glotze währenddessen sinnentleert in die Landschaft. Alleine die Tatsache, dass ich einen Hund habe, soll ja schon gesund sein. Ich esse Obst und Gemüse. Und hey, ich mache sogar Sport. Nicht immer und auch nicht immer gerne, aber ich tue es. Ich habe sogar Zeugen!

Ungenügend

Icke meint, das reicht nicht! Ich mache keine 100 Liegestütze am Morgen. Fahre nicht mit dem Fahrrad zum Einkaufen. Schlürfe keine giftgrünen Chia-Antioxidantien-Vitamin-Turbo-Booster-Smoothies. Ich trage keinen Schrittzähler am Arm und vermutlich atme ich viel zu flach. Yoga? Fehlanzeige. Und wie das mit dem Meditieren läuft, wissen wir ja! Ich esse zu unbewusst und zu falsch.

Zu viel des Guten

Natürlich muss es nicht immer mit einem Kater enden. Oder mit einer Magenerweiterung, weil man sich beim Essen gebärdet wie ein Cockerspaniel ohne Fressbremse. Wenn man aber schon über die Stränge schlägt, dann wenigstens mit Genuss. Was macht es für einen Sinn, wenn man sich anschließend Vorwürfe macht? Das ist ungefähr so, als würde man bei Regen mit Anlauf in eine Pfütze springen und sich anschließend wegen der nassen Füße schuldig fühlen. Dabei ist es ganz einfach: Es reicht zu wissen, wann es reicht. (Dieser Satz entfaltet seine Wirkung erst, wenn man ihn 5x laut liest!)

Icke sitzt immer noch wie ein Pastor auf meiner Bettkante und quasselt auf mich ein. Ich unterbreche seine Moralpredigt. „Sag mal, Icke?“
„Ja?“
„Das war doch gestern ein schöner Abend, oder?“
„Mhm, war ganz o.k.“
“ Gut, dann halt jetzt einfach die Klappe und mach Kaffee!“
„Kaffee ist ungesun…“
„Milchkaffee! Und heute Abend will ich Pizza. Pizza Salami extra scharf mit doppelt Käse. Nach einem Kater gibt es nix Besseres!“
Icke schnappt nach Luft und ist beleidigt. Ich verkrieche mich unter die Bettdecke und gelobe: Beim nächsten Mal werde ich in Maßen maßlos sein. Vor allem aber werde ich weder vorher noch nachher auf Icke hören. Denn der hat sowieso keinen Plan davon, wann etwas reicht und wann nicht!

Mit Schreib und Seele,
Tina

Und? Wann habt ihr das letzte Mal über die Stränge geschlagen? 

14 Kommentare

  1. Achim 12. September 2018

    Tina, mal wieder mit Freude gelesen – kann man echt als Hundebesitzer einen Kater haben ?

    Achim

    • Tina Autor des Beitrages | 12. September 2018

      absolut!!! 🙂 ich bin ja der beste Beweis!

  2. Gerrit 12. September 2018

    Hier liegt Icke schon seit Jahren gefesselt und geknebelt im Keller…… das Leben ist schön!!! 😉

    • Tina Autor des Beitrages | 12. September 2018

      und den kann man da nicht hören unten im Keller???? Ich hab leider keinen Keller…sonst wäre das ne Maßnahme 😉

  3. Gaby 12. September 2018

    Ich glaube ja, der Icke hat viele Verwandte überall auf der Welt verteilt, die sich gerne mal mit auf die Bettkante setzen😉😉

    • Tina Autor des Beitrages | 12. September 2018

      Oh ja, Großfamilie. Und die haben auch alle untereinander Kontakt und tauschen sich aus.

  4. Petra 12. September 2018

    In Maßen maßlos sein – ich finde das ist der perfekte Maßstab. 🙂

    • Tina Autor des Beitrages | 12. September 2018

      🙂 ich auch!!

  5. Maja 12. September 2018

    Danke für „Es reicht zu wissen wann es reicht.“ Übrigens… guter Sex hält auch gesund – wenn Icke nicht mit auf der Bettkante sitzt, natürlich. 😉

    • Tina Autor des Beitrages | 13. September 2018

      jetzt wo Du es sagst … 😀

  6. Marion 12. September 2018

    Ach, der Icke. Manchmal glaube ich ja, dass er bei mir vorbeischaut.
    Zumindest dann, wenn mir das Nutella-Glas so unter den Löffel rutscht, dass der gar nicht anders kann, als in die feinecremige Masse einzutauchen.
    Und mal ehrlich: Es ist schier unmöglich, den Löffel unabgeleckt wegzulegen.

    Danke Tina für die immer wieder erheiternde Lektüre.

    • Tina Autor des Beitrages | 13. September 2018

      Liebe Marion, gerade gestern hatte ich noch ein Gespräch über Nutella und wie köstlich dieses Teufelszeug ist!
      Es gibt sogar Löffel, die extra Abends in Wohnzimmer kommen und solange betteln, bis sie im Nutella baden dürfen 😀

      Danke für deinen netten Besuch hier 🙂
      TINA

  7. Margrit 12. September 2018

    Manchmal machen meine Füße seltsame Dinge. Sie laufen in eine Konditorei. Mein Mund ist eindeutig ein Komplize meiner Füße, denn er bestellt irgendwelche Törtchen oder Kuchen. Naja, und dass die Hände bei dem Komplott mitmachen, ist ja klar. Ehrlich – ich kann nichts dafür. Trotzdem, der hat Kuchen lecker geschmeckt. Leider ist meine Waage anderer Meinung und irgendwo schimpft eine
    Stimme. Mist, ist das etwa ein Clon von Icke?

    • Tina Autor des Beitrages | 13. September 2018

      Liebe Margrit, Waagen sind IMMER anderer Meinung! Das ist, glaube ich, ihr Beruf.
      Ganz besonders rechthaberisch sind die gruseligen Körper-Fett-Waagen.
      Und: es sind Instrumente des inneren Kritikers. Er liebt solche Hilfen!
      Am besten man stellt sie in den Keller!
      Tina

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