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Chamäleon

Im Fernsehen läuft  Germany‘ s next Top Model. Ich liege auf dem Sofa und kann mich von Heidis Mädels einfach nicht lösen. Nach einer Weile Zickenkrieg und einem anstrengenden Catwalk-Training bekomme ich Durst. Ich stehe auf, schreite schwungvoll durch den Flur und knipse dem Spiegel verführerisch ein Auge zu. Wie war das noch? Hüfte vorschieben. Cooler Blick. Kinn anheben. Mit großen eleganten Schritten schwebe ich in die Küche und pose einmal rechts, einmal links, bevor ich die Kühlschranktür aufreiße. Applaus brandet auf.  Mit einer sinnlichen Bewegung greife ich nach einem Bier.

Bier?

Ja, ja schon gut. Also, … greife ich nach einer Flasche Wasser, ohne Kohlensäure. Den Gouda ignoriere ich. Das Kühlschrank-Licht blendet mich wie unzählige Blitzlichter. Ich fahre mir lasziv durch die Haare, bevor ich die Tür wieder schließe und meine nicht vorhandenen, wilden Locken gekonnt über die Schulter werfe. Ich höre Heidis Stimme: Ja, weiter. Sei sexy! Nicht zu viel Schulter.
Ich stolziere zurück ins Wohnzimmer und mit einem irren Hüftschwung lande ich zurück auf dem Sofa, positioniere mich appetitlich zwischen den Kissen.

Zeig uns, dass Du es kannst!

Ja Heidi! Ich ziehe meine verbeulte Jogginghose hoch bis über die Knie und zeige meine zwei Meter langen Beine. Es läuft richtig gut. Ich bin voll präsent.
Sei nicht so schüchtern, los, mach einfach irgendwas!
Ich beuge mich nach vorne, lache ungehemmt und gewähre der Welt einen gewagten Einblick in meinen Schlabber-Shirt Ausschnitt.
Nicht so viel nachdenken! Sei locker. Du musst den Kunden überzeugen!
Ok, ich gebe alles. Mit einem Satz springe ich vom Sofa direkt auf den Fernseher zu und werfe dabei die Arme in die Luft.
Ja!!! Das ist der Wahnsinn…weiter….vergiss deine Hände nicht!!!
Im Vorbeiflug reiße ich die Kerzenständer vom Tisch, die Wasserflasche fliegt quer durch den Raum und mein Hund schießt wie ein Pfeil aus dem Wohnzimmer.
Achte auf deinen Ausdruck…und guck in die Kamera…ja..jaaaaaaaaaaaaa…toll…!
Mit Augen so groß wie Spaghetti-Teller vollführe eine gewagte Drehung um die eigene Achse. Vor dem Aufprall auf den Fußboden schramme ich mit dem Rücken elegant, aber schmerzhaft an der Tischkante entlang und lande mit dem Hintern auf der am Boden liegenden Fernbedienung.
Und jetzt das Heute Journal mit Marietta Slomka und Heinz Wolf. Guten Abend. Das letzte Wort sei noch nicht gesprochen, lies die Kanzlerin wissen…
Ich rapple mich wieder auf und schalte hektisch zurück zu Heidi. Jetzt ja nichts anmerken lassen, immer schön lächeln. Brust raus, Arsch rein. Lippen leicht geöffnet. Heidi strahlt mich an.
Wahnsinn, heute warst du der Hammer. Du bist so wandelbar. Wie ein Chamäleon. Wir sehen bei dir sehr viel Potential! WOW!!!! Whoooooa! Wow!

Finale

Gerührt schlage ich mir die Hände vor den Mund und weine ein bisschen. Tupfe mir die Wimperntusche zurecht. Lächle und weine und stottere vor mich hin. Ich weiß, dass ich es schaffen kann. Ich werde alles geben. Den schmerzenden Rückenwirbel ignoriere ich, denn so was gehört eben dazu, wenn man Top-Model sein will! Und morgen, Heidi, da kaufe ich mir noch den Glamour-Power-Volume-Highcare-Blowup-TurboBooster- Mascara. Dann hält mich nichts und niemand mehr auf. Danke Heidi! Danke an alle, an das ganze Team! Danke Deutschland!

Dann steht plötzlich Icke hinter mir.
„Was machst du da?????“
„Nix, wieso?“
„Du sprichst mit dem Fernseher!“
„Tu ich gar nicht!“
„Hast du etwa so getan, als wenn du ein Model wärst?“
„QUATSCH! Bin ich bekloppt, oder was? Ich wollte mir gerade die Tagesthemen angucken. Diesen albernen Modelkram kann man ja nicht aushalten.“ Ich drücke auf der Fernbedienung herum. Icke sieht mich prüfend mich an und nickt bedächtig. „Soso, verstehe. Willste nen Bier?“
„Klar! Und bring mir nen Stück Gouda mit!“, sage ich. Er verschwindet in Richtung Küche. Heimlich lächle ich noch einmal ins Publikum, bevor ich mich wieder aufs Sofa plumpsen lasse. Ja, ich bin ein Chamäleon!

Wie Recht Heidi doch hat! Ich sehe zum Beispiel morgens immer völlig anders aus als abends. Oder bei feuchter Witterung habe ich an einem Tag ungefähr zehn verschiedene Frisuren. Manchmal grüße ich mich dann selbst im Spiegel, weil ich denke, ich bin jemand anderes. Nach traurigen Tierfilmen (Bambi!) oder besonders kurzen Nächten, habe ich vor allem Augen wie ein Chamäleon. Tagelang.
Das mit dem Farbe wechseln je nach Umgebung, muss ich allerdings noch üben.
In diesem Sinne: be the change!

Mit Schreib und Seele,
TINA

(2018 hat es nicht ganz gereicht bis ins Finale.  Nächstes Jahr bestimmt! Und wie läuft eure Model-Karriere so?)

24 Kommentare

  1. Achim 5. September 2018

    Sei doch froh mit den 10 verschiedenen Frisuren – die Leute mit Glatze wünschten sich vielleicht dieses Problem.

    Es ist morgens und Dein heutiger Beitrag ist ein gelungener Start in den Tag. Humor ist eine meiner treibenden Energiequellen.

    Danke – Bier und Gouda im Kühlschrank ? Lass was übrig 🙂

    • Tina Autor des Beitrages | 5. September 2018

      Danke Achim 😉 (hab immer Vorrat da!)

  2. Ines 5. September 2018

    Liebe Tina,
    Du hast mir den Tag gerettet!!!!!!!!! Ich komme aus dem Lachen nicht mehr raus.
    – Vor dem Aufprall auf den Fußboden schramme ich mit dem Rücken elegant, aber schmerzhaft an der Tischkante entlang und lande mit dem Hintern auf der am Boden liegenden Fernbedienung.
    Und jetzt das Heute Journal mit Marietta Slomka und Heinz Wolf. Guten Abend. Das letzte Wort sei noch nicht gesprochen, lies die Kanzlerin wissen… –
    Ich kann nicht mehr……………………………………….. 🙂 🙂 🙂
    Ich brauch jetzt erstmal eine neue Portion Make up und Wimperntusche ;o))
    Bye, bye Heidi ;o)
    Grüße aus Hamburg Ines

    • Tina Autor des Beitrages | 5. September 2018

      Danke Ines 🙂 Und viele Grüße zurück nach Hamburg!! (braucht man da jetzt schon wetterfeste Wimperntusche?)

      • Ines 5. September 2018

        Neeee! Gott sei Dank noch nicht. Wir haben Sonne und es ist bis zu 25° Grad warm. Selbst am Morgen kann ich noch in kurzen Hosen und T-Shirt zum Rudern aufs Wasser. Wetterfeste Wimperntusche und Elnett kommen demnächst wieder aus dem Schrank. 🙂 🙂

  3. Petra 5. September 2018

    Ich musste beim Lesen herzlich und laut lachen! Danke!! 🙂

    • Tina Autor des Beitrages | 5. September 2018

      da freu ich mich!!!!! Danke DIR!

  4. Muschelschubser 5. September 2018

    Schmunzelt, weil sieht die Bilder vor sich: fliegende Wasserflaschen, zerschrammte Tischkanten und eine glückselige Pommes dazwischen.
    Da schmeckt die Dose Bier und der gestückelte Gouda gleich nochmal so gut 😉

    • Tina Autor des Beitrages | 5. September 2018

      FLASCHE Bier! Nicht DOSE! Soviel Zeit muss sein 😉

  5. Heike Bötcher 5. September 2018

    … herzlich gelacht … nur ic dachte, dass das Finale mit den Worten endet:
    Leider habe ich heute kein Foto für Dich!
    Grins und liebe Grüße!

    • Tina Autor des Beitrages | 9. September 2018

      Freut mich ebenso! 🙂 Lieben Dank!!

    • Tina Autor des Beitrages | 9. September 2018

      Danke, das freut mich 🙂 Lachen is ja gesund 🙂

  6. The Apricot Lady 9. September 2018

    😂😂😂😂
    *Entschuldigung*
    Sehr gut geschrieben – man will mehr lesen *.*
    lG
    Christina

  7. Christina 10. September 2018

    Genialer Text, ich hab mich köstlich amüsiert!
    Was mir letztens passiert ist: Ich singe leidenschaftlich gerne im Auto. Aber meist nur beim fahren, damit mich niemand hört. Letztens lief eines meiner Lieblingskinder zum Mitsingen und ich bin schon langsam in die Tiefgarage meiner Mietwohnung gefahren, ein Blick nach links, nach rechts, niemanden gesehen. Also bin ich extra lange im Auto geblieben, mit laufendem Motor, damit ich noch lautstark und mit Inbrunst meine Darbietung an die Menschheit beenden konnte. Ausgestiegen um die Duplex endlich am Ende des Songs herunter zu lassen, bemerkte ich, dass eine Nachbarin in der extra Parkbucht stand und dort ihr Auto gerade wusch. Sie hat jeden Ton meiner Einlage mitbekommen. Ich sagte keinen Ton, stellte das Auto schnell ab und ging mit dem Blick fest auf den Boden gerichtet schnell hinauf, weg von der Garage und der ungewollt mit Gesang beglückten Dame.
    Wahrscheinlich hat die Gute das sowieso mit Humor genommen oder das Geschehen gar nicht beachtet.
    Meistens scheren wir uns doch sowieso einfach zu viel um die Meinung anderer, als dass wir einfach den ungewollten Stage-Moment genießen und erhobenen Hauptes die Bühne verlassen. Oder?
    Liebe Grüße,
    Christina von http://miles-and-shores.com

    • Tina Autor des Beitrages | 10. September 2018

      oha, das kenne ich nur zu gut! 😀 Kann gut sein, dass die Nachbarin, als du weg warst, heimlich selbst weitergesungen hat 😀
      Liebe Grüße zurück!!

  8. Natascha 10. September 2018

    Sehr amüsant zu lesen. This made my day.

    Gruss
    Natascha

    • Tina Autor des Beitrages | 11. September 2018

      Das freut mich!!! 🙂

  9. Sarah 10. September 2018

    Ich musste total schmunzeln als ich deinen Beitrag gelesen habe. Mit ganz viel Witz geschrieben – toll! Und so herrlich selbstironisch – das mag ich 🙂 Weiter so!

    Liebste Grüße,
    Sarah von http://www.vintage-diary.com

    • Tina Autor des Beitrages | 11. September 2018

      Daaaaanke 😍

  10. CHRISTINA KEY 11. September 2018

    Sehr lustig geschriebener Beitrag. Ich finde GNTM einfach sehr fragwürdig und wäre echt froh, wenn es durch eine schlaue Serie, die die Leute weiter bringt und inspiriert, ersetzt wird.

    Liebe Grüße,
    http://www.ChristinaKey.com

    • Tina Autor des Beitrages | 11. September 2018

      Wäre schon schön, wenn es ein Format geben würde, dass den Jugendlichen näherbringt, an sich zu glauben, auch ohne einer gesellschaftlichen Norm zu entsprechen!
      Danke für deinen besuch Christina 🙂

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