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Vorhang zu!

Ich habe es wissenschaftlich erforscht: Ein Großteil weiblicher Gemüts-Krisen entsteht in Umkleidekabinen. Diese Dinger dienen nicht nur dazu, die Privatsphäre von kaufwilligen Kunden zu schützen. Umkleidekabinen sind in Wahrheit verspiegelte Folterkammern der Selbstreflexion und Icke liebt es, dort mit mir hin zu gehen. Ganz besonders liebt er Ausflüge zu H&M. Hier läuft er zur Hochform auf.
Es ist immer dasselbe. Gemeinsam schlendern wir durch den Laden und stopfen einen Haufen Klamotten in die extra dafür vorgesehene Tragetasche. Meine Euphorie wächst von Kleiderständer zu Kleiderständer und ich wähle Teile aus, von denen ich nicht mal weiß, wo am Körper man sie trägt. Icke kriegt sich gar nicht mehr ein und unterzieht mich einer umfangreichen Modeberatung. Dabei reißt er grundsätzlich immer nur Sachen mit Leoparden- oder MickeyMouse -Print aus den Regalen. Oder er reicht mir Teile, die drei Nummern zu klein sind und einen Ausschnitt haben, der mir bis zu den Knien reicht. (mach doch mal mehr sexy!)

Spot on!

An den Umkleiden angekommen, nimmt mir eine junge Mitarbeiterin bis auf die zulässige Höchstzahl alle Klamotten wieder weg (damit ich nicht auf die Idee komme, was zu klauen. Schließlich bin ich ein Kunde!) und ich finde mich auf engstem Raum hinter einem mehr oder weniger geschlossenem Vorhang wieder. Es ist warm, es ist laut, es ist dreckig. Aber ich will das jetzt durchziehen und beginne mit der Anprobe. Icke sitzt lässig auf dem kleinen Höckerchen in der Ecke und sagt kein Wort. Er guckt nur. Das ist schlimmer, als wenn er redet. Er lässt seinen Blick an mir hoch und runter gleiten und sein Gesichtsausdruck ähnelt dem meinem, wenn ich gezwungen werden, Vanillepudding mit Haut zu essen. Bei jedem Teil, was ich anziehe, verzieht er die Mundwinkel und rollt mit den Augen. Hin und wieder schnellt eine Augenbraue nach oben, als Zeichen seiner Missbilligung. Es wird immer wärmer, die Luft ist schlecht, ebenso wie die Musik, die über mir aus dem Lautsprecher dröhnt. Mein Körper dehnt sich immer weiter aus und es kommt mir vor , als sei er nur noch ein unförmiger Haufen Knete. Ich beginne langsam zu zerfließen.

Blusen-Blues

Es muss an dieser entsetzlichen Beleuchtung liegen, rede ich mir Mut zu. Aber jede Bluse, jeder Rock macht deutlich, es liegt nicht am Licht. Es liegt nicht an der Wärme, es liegt auch nicht am schlechten Spiegel. Die Erkenntnis kriecht langsam in mein Bewusstsein. Hier stimmt etwas nicht! Bin ich womöglich in einem Laden gelandet, in dem sich ausschließlich pubertierende Marsmännchen einkleiden? Deren Beine so dünn sind, wie damals die Finger von ET, dem Außerirdischen? Egal was ich anziehe, Icke tut so, als sei er mit seinem Latein am Ende und ich ein hoffnungsloser Fall. Mein Zustand wird immer desolater und ich kann mich nicht entscheiden, ob ich heulen oder Amok laufen soll. Ich weiß plötzlich nicht mal mehr, ob man Cellulite mit C oder Z schreibt.

Gummizug-Zwang

Wut steigt in mir auf wie Lava, meine Atmung wird immer flacher. Ich steige zurück in meine Klamotten, werfe Icke den Berg Kleider an den Kopf und renne raus. Vorbei an der empörten jungen Mitarbeiterin, direkt in die Abteilung für Schlafmode. Kraftlos stütze ich mich an einem Regal ab und … da hängt sie. Direkt vor mir! Eine wunderbar formlose Pyjamahose mit Gummizug. Ich reiße sie vom Bügel und schließe sie liebevoll in meine Arme. Icke kann mich mal! Trotzig gehe ich zur Kasse und während ich dort in der obligatorischen Schlange warte, angle ich mir zum Trost noch ein Paket flauschige Ringelsocken vom Wühltisch. Die passen immer und machen einen schlanken Fuß.
Vor mir steht eine gut aussehende Frau und wippt ungeduldig mit dem Fuß. In der Hand hält sie ein übergroßes T-Shirt und ein 3-er Pack Wollsocken. Sie sieht wütend aus. Ich lächle sie an und nach einem Blick auf meine Socken, lächelt sie zurück. (Sockenschwestern im Geiste brauchen keine Worte.)
Als ich den Laden verlasse, wartet Icke bereits auf mich. Er grinst. »Na, Schätzchen, wie siehts aus? Jetzt ein schönes Stückchen Schokoladenkuchen mit Sahne?«
Ich gehe wortlos an ihm vorbei und schwöre insgeheim, dass er heute Abend nicht auf mein Sofa darf. Da ist kein Platz für ihn. Ich werde es mir alleine gemütlich machen und mir „Schokolade zum Frühstück“ ansehen, in Gummizughose und Socken. Icke kann ja zu den Nachbarn gehen und sich alle Folgen von Shopping-Queen reinziehen. Ist mir egal. Von meinen Chips kriegt er jedenfalls nichts ab!

Mit Schreib und Seele,
Tina

PS.:
„Schmiegsam, biegsam, mild und mollig –
ist der Strumpf, denn er ist wollig.“ (Wilhelm Busch)

Gibt es noch mehr Sockenschwestern hier? Oder sogar Brüder? Was ist es bei euch? Stoppersocken? Tennissocken?
Oder eher die neckischen kurzen Fersensöckchen? 

15 Kommentare

  1. Chris 22. August 2018

    Liebe Tina,
    Zu deinem Beitrag, in dem ich mich schmerzlich wiedererkannt habe und dessen Lektüre zu unmittelbarem Verlangen nach Chips mit Schokoladenüberzug ( warum gibt es das noch nicht?) führte,fällt mir nur noch das Zitat eines großen Gelehrten, dessen Name mir aber dagür ent-fallen ist, ein:
    „ Zeit ist eine wunderbare Heilerin, aber eine lausige Kosmetikerin“
    Kleiner Tipp:
    Ich kaufe Kleidung inzwischen öfters mal online. Die Socken passen immer.

    • Anonymous 22. August 2018

      Was bedeutet Kleidung „online“ kaufen ? Gehst Du etwa zur Nachbarin und klaust da Sachen von deren Wäscheleine ? 🙂

      Achim

    • Tina Autor des Beitrages | 23. August 2018

      Chips mit Schokoladenüberzug?! Da muss ich jetzt mal drüber nachdenken. Das könnte aber je nach Gemütsverfassung genial sein 😀

  2. Achim 22. August 2018

    gelesen und genehmigt !

    Als Mann kann und will ich da nicht mitreden – 🙂

    Beste Grüße an Dich und passende Kleidergrößen
    Achim

    • Tina Autor des Beitrages | 22. August 2018

      dabei sind Männer aber doch Socken-Experten! Ihr tragt die Dinger doch sogar in Sandalen. Im Sommer! Warum also solltest du da nicht mitreden können???? 🙂

      Beste Grüße zurück…und Danke für die Genehmigung 😉

  3. Margrit 22. August 2018

    Liebe Sockenschwester, ich dachte immer, dass es nur mir so geht. Ich kaufe dann auch gerne Schuhe statt Socken, das funktioniert auch.

    • Yvonne 22. August 2018

      Schuhe gehen immer 👍 und im Gegensatz zu Socken verschwindet da nicht immer einer in der Waschmaschine 😉

      • Tina Autor des Beitrages | 23. August 2018

        stimmt, jetzt wo du es sagst!

    • Tina Autor des Beitrages | 23. August 2018

      oh ja Schuhe gehen immer immer immer immer immer immer! 🙂 Mit und ohne Socken.

  4. Gerrit 23. August 2018

    H&M bedeutet „hager und mager“!!! Da darf eine Frau doch wirklich nicht hingehen….das weiß sogar ich, der moderesistenteste Mensch der Welt. Da darfst Du Icke nicht für verantwortlich machen! 😉

    • Tina Autor des Beitrages | 23. August 2018

      Frau darf überall hingehen….und Icke darf aber auch einfach mal die Klappe halten…
      So einfach wäre das… seufz

  5. Bianca 23. August 2018

    Liebe Tina ,wann habe ich dir und Icke zuletzt gesagt wie sehr ich euch liebe und dass es toll ist das es euch gibt.
    Es grüßt euch eine Ringel-/Pünktchen-Tigerlilisöckchenschwester💞

    • Tina Autor des Beitrages | 23. August 2018

      ach, das kann ich gar nicht oft genug hören, Bianca!
      Ringel/Blümchen-Tigerlillisöckchen gefällt mir 😀 <3

  6. Muschelschubser 23. August 2018

    schmunzelt
    Klamottenkauf bei Hager und Mager ?
    Gehst Du auch zum Schlachter und kaufst Brötchen?
    Ach ja, die heißen da ja Frikadelle *lol
    Mensch Pommes, wann wirst Du Erwachsen ???
    Grüß mir Icke

    • Tina Autor des Beitrages | 23. August 2018

      Nur weil ihr Männer Kleidung nach dem Prinzip „Passt, wackelt und hat Luft“ kauft und dann das Teil 10 Jahre tragt,
      heißt das ja nicht, dass wir das auch so machen müssen 😉
      Und erwachsen werden? Ich bitte dich! Das mach du mir erst mal vor 😀
      Grüß mir die Muscheln!

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